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„Zuversicht heißt nicht,
den Ausgang zu kennen.“

Daniel Bauer im Gespräch mit Dr. Stefanie Marx-Fleck

30.10.2026
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Daniel Bauer, Manag­ing Part­ner bei VALDIVIA, spricht mit der Wirtschaft­spsy­cholo­gin Dr. Stefanie Marx-Fleck über den Umgang mit Unsicher­heit, die menschliche Seite von Führungsver­ant­wor­tung und die Frage, wie gute Entschei­dun­gen auch ohne Gewis­sheit gelin­gen können.

Unsicher­heit gehört zum unternehmerischen Allt­ag. Doch selten war sie so vielschichtig und dauer­haft spür­bar wie heute. Gerade in der Immo­bilien­wirtschaft stehen Führungskräfte vor der Heraus­forderung, weitre­ichende Entschei­dun­gen zu tref­fen, obwohl wirtschaftliche, poli­tis­che und gesellschaftliche Entwick­lun­gen zunehmend schw­er vorherse­hbar sind. Gleichzeit­ig tragen sie Verant­wor­tung für Unternehmen, Investi­tio­nen und vor allem für Menschen.

Was bedeutet es, unter diesen Bedin­gun­gen zu führen? Wie beein­flusst Unsicher­heit unser Denken, Fühlen und Handeln? Und was hilft Führungskräften, auch in schwieri­gen Situ­a­tio­nen Orien­tierung zu geben, Verant­wor­tung zu übernehmen und selb­st hand­lungs­fähig zu bleiben?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Psycholo­gin Dr. Stefanie Marx-Fleck. Die Wissenschaft­lerin promovierte an der Goethe-Univer­sität Frank­furt am Main und forscht zu den psychol­o­gis­chen Auswirkun­gen von Unsicher­heit, zu menschlichem Entschei­dungsver­hal­ten sowie zur Bedeu­tung von Führung und psychol­o­gis­ch­er Sicher­heit in Organisationen.

Daniel Bauer, Manag­ing Part­ner bei VALDIVIA, erlebt in sein­er täglichen Arbeit, wie sich die Anforderun­gen an Führungsper­sön­lichkeit­en in der Immo­bilien­wirtschaft verän­dern. Für dieses Inter­view bringt er seine Perspek­tive aus der Prax­is mit der wissenschaftlichen Sicht von Dr. Marx-Fleck zusammen.

Im Gespräch geht es um die Heraus­forderun­gen von Führung in unsicheren Zeit­en, um schwierige Entschei­dun­gen und ihre emotionalen Folgen – und darum, was Führungskräften helfen kann, mit Verant­wor­tung, Zweifel und Unsicher­heit konstruk­tiv umzugehen.

Daniel Bauer: Frau Dr. Marx-Fleck, Sie beschäfti­gen sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit inten­siv damit, wie Menschen mit Unsicher­heit umge­hen und Entschei­dun­gen tref­fen. Was hat Ihr Inter­esse an diesem Thema ursprünglich geweckt?

Mich inter­essiert, wie Menschen unter realen Bedin­gun­gen gut und mutig entschei­den können. Die Coro­na-Pandemie hat diese Frage sehr konkret gemacht: Entschei­dun­gen mussten getrof­fen werden, während sich die Daten­lage täglich änderte und ihre Folgen schw­er (oder gar nicht) abzuschätzen waren. Zugle­ich wurde sicht­bar, wie stark der Wunsch nach Absicherung Entschei­dun­gen prägen kann.

In der Forschung sprechen wir in solchen Fällen von defen­sivem Entschei­dungsver­hal­ten. Darunter verste­hen wir Entschei­dun­gen, bei denen Menschen nicht die Alter­na­tive wählen, die für die Organ­i­sa­tion, die Patien­ten oder auch die Gesellschaft am sinnvoll­sten ist, sondern vielmehr die Option, die für sie persön­lich am sich­er­sten ist. Unter Sicher­heit verste­hen wir in diesem Zusam­men­hang die Vermei­dung von persön­lichen Risiken, wie beispiel­sweise Kritik, zwis­chen­men­schliche Konflik­te oder Schuldzuweisun­gen. Der Wunsch, solche persön­liche Risiken zu vermei­den, ist zwar verständlich, kann aber dazu führen, dass notwendi­ge Entschei­dun­gen ausbleiben. Wichtig hier­bei ist zu beto­nen, dass es sich bei defen­siv­en Entschei­dun­gen nicht um eine indi­vidu­elle Entschei­dungsinkom­pe­tenz handelt, also die Entschei­der „es nicht bess­er wissen“, sondern um ein kontextab­hängiges Phänomen: Wenn Menschen in ihrem Arbeit­sall­t­ag erleben, dass man mit persön­lichen nega­tiv­en Konse­quen­zen rech­nen muss, wenn man einen Fehler macht oder sich eine Entschei­dung im Nach­hinein als falsch herausstellt, werden sie vermut­lich beim näch­sten Mal eher „auf Nummer sich­er gehen“. Studi­en haben gezeigt, dass zwis­chen 20% und 50% aller Entschei­dun­gen im organ­i­sa­tionalen Kontext defen­siv sind (Artinger et al., 2019; Artinger, Marx-Fleck et al., 2025; Gigeren­z­er, 2014).

Unsicher­heit scheint zunehmend zu einer Konstante unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens zu werden. Was macht anhal­tende Unsicher­heit aus psychol­o­gis­ch­er Sicht mit uns – und insbeson­dere mit Menschen in Führungspositionen?

Unsicher­heit kann Aufmerk­samkeit und Anspan­nung erhöhen. Dauer­haft wird sie belas­tend, wenn Menschen keinen Einfluss mehr wahrnehmen und nicht wissen, woran sie ihr Handeln ausricht­en sollen. Führungskräfte erleben das beson­ders deut­lich, weil ihre Entschei­dun­gen Folgen für andere haben. Dann wächst die Versuchung, sich durch zusät­zliche Analy­sen oder mehr Daten abzu­sich­ern. Doch mehr Infor­ma­tion bedeutet nicht automa­tisch bessere Entschei­dun­gen. Entschei­dend ist, ob man weiß, was man weiß, was man nicht weiß und welche Regeln für die eige­nen Entschei­dung gelten. Orien­tierung entste­ht nicht dadurch, dass eine Führungskraft alles vorher­sagt, sondern dadurch, dass sie nachvol­lziehbar handelt.

Führungskräfte in der Immo­bilien­wirtschaft tragen häufig Verant­wor­tung für hohe Investi­tio­nen, langfristige Projek­te und zahlre­iche Arbeit­splätze. Wie beein­flusst ein solch hohes Maß an Verant­wor­tung den Umgang mit Unsicher­heit? Und was hilft dabei, auch unter Druck entschei­dungs­fähig zu bleiben?

Hohe Verant­wor­tung kann dazu führen, dass man defen­siv entschei­det. Das schützt manch­mal vor Kritik, verbessert aber nicht zwin­gend die Entschei­dung. Hilfre­ich ist, vorab klare Krite­rien festzule­gen: Was darf nicht gefährdet werden? Welche Verluste sind trag­bar? Welche Infor­ma­tion würde die Entschei­dung tatsäch­lich ändern? Eine einfache Regel kann bess­er sein als ein kompliziertes Modell, wenn sie zur Situ­a­tion passt. Außer­dem sollte man Entschei­dun­gen über­prüf­bar machen: Welche Annah­men liegen zugrunde, wann wird neu bewertet und woran erken­nen wir, dass wir den Kurs ändern müssen? So wird Verant­wor­tung nicht mit Gewis­sheit verwechselt.

Viele wichtige Entschei­dun­gen müssen heute getrof­fen werden, obwohl wesentliche Infor­ma­tio­nen fehlen und sich mögliche Konse­quen­zen nur schw­er abschätzen lassen. Was wissen wir aus der psychol­o­gis­chen Forschung darüber, wie Menschen unter diesen Bedin­gun­gen entschei­den? Gibt es Erken­nt­nisse, die Führungskräften helfen können, damit bess­er umzugehen?

Menschen greifen unter Unsicher­heit auf mentale Abkürzun­gen (soge­nan­nte Heuris­tiken) zurück. Eine gute Heuris­tik kann schnell und robust sein, gerade wenn Daten unvoll­ständig oder dynamisch sind. Eine bekan­nte Regel lautet: Wenn ein Merk­mal beson­ders aussagekräftig ist, prüfe es zuerst; wenn es eine klare Entschei­dung erlaubt, muss man nicht jedes weit­ere Detail sammeln. Führungskräfte soll­ten deshalb nicht nur fragen: „Haben wir alle Infor­ma­tio­nen?“, sondern: „Welche Infor­ma­tion ist entschei­dend?“ und „Welche einfache Regel passt zu dieser Umwelt?“ Wichtig ist, die Regel trans­par­ent zu machen und aus Ergeb­nis­sen zu lernen. Man kann nicht jede Unsicher­heit beseit­i­gen, aber man kann Entschei­dun­gen so gestal­ten, dass ihre Gründe sicht­bar sind.

Führung bedeutet gerade in schwieri­gen Zeit­en auch, Entschei­dun­gen tref­fen und vertreten zu müssen, die tief in das Leben ander­er Menschen eingreifen – etwa wenn Mitar­bei­t­ende entlassen werden müssen. Was macht eine solche Verant­wor­tung aus psychol­o­gis­ch­er Sicht mit Führungskräften selb­st? Und was kann ihnen helfen, mit dieser emotionalen Belas­tung umzugehen?

Eine Entschei­dung, die anderen Menschen poten­ziell schadet, kann emotion­al schw­er wiegen. Diese Belas­tung sollte man weder als Schwäche abtun noch als Beweis dafür verste­hen, dass die Entschei­dung falsch war. Hilfre­ich ist, die Gründe offen zu prüfen: Welche Alter­na­tiv­en gab es? Welche Folgen waren abse­hbar? Wurden Betrof­fene fair behan­delt? Führungskräfte soll­ten die Entschei­dung nicht hinter Zahlen oder Verfahren versteck­en, sondern Verant­wor­tung dafür übernehmen und den Betrof­fe­nen mit Respekt begeg­nen. Ein Gespräch mit anderen Führungskräften oder auch profes­sionellen Busi­ness Coach­es kann helfen, die eigene Sicht zu prüfen. Entschei­dend ist, aus der Belas­tung zu lernen, statt sie durch nachträgliche Recht­fer­ti­gun­gen zu überdecken.

An dieser Stelle verweise ich auch immer gerne an das Konzept des Selb­st­mit­ge­fühls (self-compas­sion) aus dem Bere­ich der posi­tiv­en Psycholo­gie. Führungskräfte soll­ten sich zugeste­hen, dass schwierige Entschei­dun­gen auch sie selb­st belas­ten dürfen. Selb­st­mit­ge­fühl bedeutet dabei nicht, die eigene Verant­wor­tung kleinzure­den oder Entschei­dun­gen unkri­tisch zu recht­fer­ti­gen. Es bedeutet vielmehr, die eige­nen Gefüh­le und Gren­zen wahrzunehmen, sich selb­st mit dersel­ben Fair­ness und demsel­ben Wohlwollen zu begeg­nen wie anderen Menschen und anzuerken­nen, dass auch verant­wor­tungsvolles Handeln mit Zweifel und emotionalen Kosten verbun­den sein kann.

Während Führungskräfte ihren Mitar­bei­t­en­den Halt und Orien­tierung geben sollen, stehen sie selb­st häufig unter erhe­blichem Druck. Welche Bedeu­tung hat psychol­o­gis­che Sicher­heit für Führungskräfte persön­lich? Wie wichtig ist es, dass auch sie Räume haben, in denen sie offen über Zweifel und Belas­tun­gen sprechen können?

Unter psychol­o­gis­che Sicher­heit nach Amy Edmond­son (1999) verste­ht man die gemein­same Überzeu­gung inner­halb eines Teams, dass es sich­er ist, zwis­chen­men­schliche Risiken einzuge­hen, etwa Fragen zu stellen, Fehler zuzugeben, Bedenken zu äußern oder ander­er Mein­ung zu sein, ohne nega­tive inter­per­son­elle Konse­quen­zen befürcht­en zu müssen. Dabei hat die Forschung vor allem die Rolle von Führungskräften in der Gestal­tung von psychol­o­gis­ch­er Sicher­heit in Teams betont. Aber auch Führungskräfte selb­st müssen sich psychol­o­gisch sich­er fühlen und brauchen Perso­n­en in der Organ­i­sa­tion, denen gegenüber sie zwis­chen­men­schliche Risiken einge­hen können. Wer allein über schwierige Entschei­dun­gen nach­denkt, sieht oft weniger Alter­na­tiv­en und bemerkt eigene blinde Fleck­en später. Ein geschützter Raum kann helfen, Annah­men zu hinter­fra­gen und Risiken klar­er einzuschätzen. Das bedeutet nicht, dass jede Unsicher­heit öffentlich ausge­bre­it­et werden muss. Es bedeutet, dass eine Organ­i­sa­tion Wider­spruch und ehrliche Rück­fra­gen zulässt.

Von Führungskräften wird häufig erwartet, dass sie Zuver­sicht ausstrahlen und auch in schwieri­gen Situ­a­tio­nen souverän auftreten. Gleichzeit­ig erleben sie selb­st Unsicher­heit und Zweifel. Wie viel eigene Unsicher­heit dürfen oder soll­ten Führungskräfte gegenüber ihren Teams zeigen? Und wie können sie Orien­tierung vermit­teln, ohne Gewis­sheit versprechen zu können?

Führungskräfte soll­ten keine Sicher­heit vorspie­len, die sie nicht haben. Sie können klar sagen, was bekan­nt ist, was offen­bleibt und wann die Lage erneut bewertet wird. Das schafft mehr Vertrauen als ein falsches Versprechen von Sicher­heit. Zugle­ich braucht ein Team hand­lungs­fähige näch­ste Schritte. Eine Führungskraft kann also Unsicher­heit über das Ergeb­nis benen­nen und trotz­dem Klarheit über den Prozess geben: Welche Prior­itäten gelten jetzt? Wer entschei­det? Welche Hinweise würden eine Kursän­derung auslösen? Orien­tierung entste­ht durch verlässliche Krite­rien und ehrliche Kommu­nika­tion, nicht durch die Behaup­tung, die Zukun­ft zu kennen.

Unsicher­heit wird häufig vor allem als Belas­tung oder Bedro­hung wahrgenom­men. Ihre Forschung beschäftigt sich auch mit der Frage, wie Menschen Unsicher­heit erleben und bewerten. Lässt sich ein konstruk­tiver­er Umgang mit Unsicher­heit erler­nen – und vielle­icht sogar die Fähigkeit entwick­eln, darin neue Möglichkeit­en zu erkennen?

Ja. Dazu gehört die Erfahrung, dass Unsicher­heit nicht immer Gefahr bedeutet. Sie kann auch Spiel­raum für neue Lösun­gen eröff­nen. Das lässt sich üben, indem man Annah­men expliz­it macht, mehrere plau­si­ble Szenar­ien betra­chtet und kleine, reversible Schritte auspro­biert. So gewin­nt man Infor­ma­tion, ohne sich früh auf einen großen, schw­er umkehrbaren Entschluss festzule­gen. Das Ziel muss nicht sein, Unsicher­heit angenehm zu find­en. Es ist, trotz Unsicher­heit urteils- und hand­lungs­fähig zu bleiben.

Der Umgang mit Unsicher­heit ist nicht nur eine indi­vidu­elle Frage, sondern hängt auch von der Kultur eines Unternehmens ab. Welche Rahmenbe­din­gun­gen soll­ten Organ­i­sa­tio­nen schaf­fen, damit Führungskräfte und Mitar­bei­t­ende mit Unsicher­heit offen und konstruk­tiv umge­hen können?

Organ­i­sa­tio­nen soll­ten die oben bere­its thema­tisierte psychol­o­gis­che Sicher­heit gezielt fördern: Mitar­bei­t­ende müssen Risiken ansprechen, Fragen stellen und wider­sprechen können, ohne dafür bloßgestellt zu werden. Das heißt nicht, dass jede Entschei­dung endlos disku­tiert wird. Es heißt, dass rele­vante Einwände gehört werden, bevor entsch­ieden wird. Dafür helfen konkrete Routi­nen: Führungskräfte können in Besprechun­gen ausdrück­lich nach Gege­nar­gu­menten fragen, eigene Unsicher­heit und Fehler offen ansprechen und sich bei Entschei­dun­gen von einem „kritis­chen Freund“ prüfen lassen. Nach wichti­gen Projek­ten kann ein kurzes Review klären: Was hatten wir erwartet? Was ist tatsäch­lich passiert? Was lernen wir daraus? Eine gute Fehlerkul­tur unter­schei­det zwis­chen unbe­ab­sichtigten Fehlern, riskan­ten Entschei­dun­gen auf unsicher­er Grund­lage und bewusstem Regel­bruch. Fehler soll­ten nicht pauschal bestraft, sondern analysiert werden. Gleichzeit­ig bleiben Zuständigkeit­en und Konse­quen­zen klar. So sinkt der Anreiz, Infor­ma­tio­nen zurück­zuhal­ten oder Entschei­dun­gen defen­siv zu tref­fen. Psychol­o­gis­che Sicher­heit und Verant­wor­tung gehören zusam­men: offen über Prob­leme sprechen können und aus ihnen sicht­bar lernen.

Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Wenn Sie Führungskräften in der Immo­bilien­wirtschaft einen Gedanken aus Ihrer Forschung mitgeben könnten, der ihnen hilft, auch in unsicheren Zeit­en verant­wor­tungsvoll und zuver­sichtlich zu führen – welch­er wäre das?

Verwech­seln Sie eine präzise Prog­nose nicht mit einer guten Entschei­dung. Langfristige Projek­te machen Vorher­sagen beson­ders verlock­end, aber auch beson­ders anfäl­lig für falsche Sicher­heit. Fragen Sie stattdessen: Welche weni­gen Annah­men tragen diese Entschei­dung? Was könnte sie wider­legen? Welche Schritte bleiben reversibel? Und wann prüfen wir neu? Eine einfache, trans­par­ente Regel kann unter unsicheren Bedin­gun­gen verlässlich­er sein als ein ausge­feiltes Modell, dessen Voraus­set­zun­gen niemand mehr hinter­fragt. Zuver­sicht heißt nicht, den Ausgang zu kennen. Sie heißt, einen verant­wort­baren näch­sten Schritt zu wählen und bere­it zu sein, aus neuen Infor­ma­tio­nen zu lernen.

Frau Dr. Marx-Fleck, zum Abschluss noch eine persön­liche Frage: Sie sind selb­st begeis­terte Marathon­läuferin und wissen, wie viel Ausdauer, Diszi­plin und mentale Stärke es braucht, um eine solche Heraus­forderung zu meis­tern. Sehen Sie Paral­le­len zwis­chen dem Marathon­laufen und den Anforderun­gen an Führungskräfte? Und welche Rolle kann Sport aus Ihrer Sicht dabei spie­len, mit komplex­en Aufgaben, hoher Verant­wor­tung und Unsicher­heit bess­er umzugehen?

Ein Marathon verlangt, über lange Zeit auf ein Ziel hinzuar­beit­en. Dabei läuft selten alles rund: Das Train­ing bringt vermeintlich nicht den erhofften Erfolg, man verlet­zt sich oder zieht sich kurz vorher eine Erkäl­tung zu. Und dann das Wetter am Wettkampf­tag als große Unbekan­nte. Schon Wochen vor dem Wettkampf täglich die Wetter­app zu check­en, in der Hoff­nung auf Sicher­heit über die Witterungs­be­din­gun­gen ist menschlich, aber leider selten von Erfolg gekrönt. Vielmehr versuche ich mental ruhig bleiben, auf die eigene Leis­tungs­fähigkeit zu vertrauen und auf neue Bedin­gun­gen im Rennver­lauf zu reagieren. Ähnlich­es gilt für Führung: Große Vorhaben brauchen Ausdauer und Orien­tierung, aber auch die Bere­itschaft, den Kurs anzu­passen, wenn sich die Lage verän­dert. Eine wichtige Paral­lele ist außer­dem, dass weder ein Marathon noch gute Führung allein eine Frage indi­vidu­eller Fähigkeit­en ist: Ein gutes Team und die Unter­stützung durch andere zählen. Sport kann helfen, Belast­barkeit und den Umgang mit Anstren­gung zu erfahren. Er macht aber auch deut­lich, dass Pausen und Regen­er­a­tion Teil der Leis­tung sind. Für Führungskräfte heißt das: langfristig denken, Kräfte real­is­tisch einteilen und Unter­stützung nicht als Schwäche verstehen.

Zur Person: Dr. Stefanie Marx-Fleck

Dr. Stefanie Marx-Fleck ist Psycholo­gin und Wissenschaft­lerin mit dem Schw­er­punkt Arbeits‑, Organ­i­sa­tions- und Wirtschaft­spsy­cholo­gie. Nach ihrer Promo­tion 2023 an der Goethe-Univer­sität Frank­furt am Main setzte sie ihre wissenschaftliche Arbeit unter anderem an der Univer­sität Bonn fort, wo sie eine Profes­sur für Arbeits‑, Organ­i­sa­tions- und Wirtschaft­spsy­cholo­gie vertritt.

Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen Fragen des menschlichen Erlebens und Verhal­tens in Organ­i­sa­tio­nen: Wie gehen Menschen mit Unsicher­heit um? Welche Faktoren beein­flussen ihre Entschei­dun­gen unter schwieri­gen Bedin­gun­gen? Und welche Bedeu­tung haben Führung, psychol­o­gis­che Sicher­heit und organ­i­sa­tionale Rahmenbe­din­gun­gen dabei?

Ein Schw­er­punkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt auf dem soge­nan­nten defen­siv­en Entschei­dungsver­hal­ten. Sie unter­sucht, welche Rolle das Bedürf­nis nach Absicherung bei Entschei­dun­gen unter Unsicher­heit spielt und unter welchen Bedin­gun­gen Menschen ihre Entschei­dun­gen offen, reflek­tiert und verant­wor­tungsvoll tref­fen können.

Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Wahrnehmung von Unsicher­heit und der Frage, wie Menschen lernen können, ungewisse Situ­a­tio­nen nicht auss­chließlich als Bedro­hung, sondern auch als Möglichkeit wahrzunehmen.

Ihre Forschungsar­beit­en wurden in inter­na­tionalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröf­fentlicht und liefern Impulse für eine zentrale Frage modern­er Unternehmensführung: Wie können Menschen auch unter hohem Druck und angesichts ungewiss­er Entwick­lun­gen hand­lungs­fähig bleiben und verant­wor­tungsvoll entscheiden?“

Links & Quellen sowie weit­er­führende Informationen

https://www.psychologie.uni-frankfurt.de/159780850/Dr__Stefanie_Marx_Fleck

https://www.psychologie.uni-bonn.de/mitarbeiter-und-ansprechpersonen-am-institut-fuer-psychologie/arbeits-organisation-und-wirtschaftspsychologie/mitarbeiter/stefanie-marx-fleck

Coping with uncer­tain­ty: The inter­ac­tion of psycho­log­i­cal safe­ty and authen­tic lead­er­ship in their effects on defen­sive deci­sion making

“Stefanie Marx-Fleck” — Google Scholar

Artinger, F. M., Artinger, S., & Gigeren­z­er, G. (2019). CYA: frequen­cy and caus­es of defen­sive deci­sions in public admin­is­tra­tion. Busi­ness Research, 12(1), 9–25.

Artinger, F. M., Marx-Fleck, S., Junker, N. M., Gigeren­z­er, G., Artinger, S., & van Dick, R. (2025). Coping with uncer­tain­ty: The inter­ac­tion of psycho­log­i­cal safe­ty and authen­tic lead­er­ship in their effects on defen­sive deci­sion making. Jour­nal of Busi­ness Research, 190, 115240.

Gigeren­z­er, G. (2014). Risk savvy: How to make good deci­sions (Vol. 49). New York: Viking.

Edmond­son, A. (1999). Psycho­log­i­cal Safe­ty and Learn­ing Behav­ior in Work Teams. Admin­is­tra­tive Science Quar­ter­ly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

(Bildquelle: privat)

 

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