von Anthony Baumruk, Partner bei Valdivia Consulting und verantwortlich für Finance sowie VIA – Valdivia Interim Associates
Wenn ich heute mit Führungskräften und Unternehmen über Interim Management spreche, führt an einem Thema kaum noch ein Weg vorbei: Künstliche Intelligenz.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob Führungskräfte Künstliche Intelligenz nutzen sollten. Entscheidend ist vielmehr, wer in der Lage ist, ihr Potenzial in konkreten unternehmerischen Nutzen zu übersetzen. KI ist 2026 kein Spezialthema für IT- oder Digitalfunktionen mehr. Sie verändert, wie Informationen aufbereitet, Analysen erstellt, Entscheidungen vorbereitet und Geschäftsprozesse hinterfragt werden. Damit verschieben sich auch die Anforderungen an Führung – insbesondere an jene Führungskräfte, die in einem Interim-Mandat innerhalb kurzer Zeit Orientierung schaffen, Wirkung entfalten und Veränderungen konsequent umsetzen müssen.
KI-Kompetenz ist mehr als Tool-Kompetenz
Von einem erfolgreichen Interim Executive erwarte ich heute nicht, dass er oder sie jedes neue KI-Tool kennt oder jede technologische Entwicklung im Detail verfolgt.
Ausschlaggebend ist die Fähigkeit, belastbar zu beurteilen, wo KI tatsächlich wirtschaftlichen Mehrwert schafft – und wo ihr Einsatz keinen substanziellen Beitrag leistet. Gerade im Finance-Bereich gewinnt diese Kompetenz deutlich an Bedeutung. Analysen lassen sich schneller vorbereiten, Daten strukturierter auswerten, Szenarien effizienter entwickeln und Entscheidungsgrundlagen präziser aufbereiten. Gleichzeitig zeigt sich in vielen Unternehmen eine erhebliche Diskrepanz zwischen technologischem Potenzial und tatsächlicher Umsetzung.
Die Studie „The Digital CFO 2026“ von PwC und WHU verdeutlicht diese Lücke: 71 Prozent der befragten CFOs räumen der Digitalisierung ihrer Finanzfunktion hohe Priorität ein. Zugleich betrachten lediglich 20 Prozent ihre Finanzorganisation bereits als stark oder sehr stark digitalisiert. Hinzu kommt, dass im Durchschnitt nur 6,9 Prozent der Mitarbeitenden in den untersuchten Finanzbereichen über spezialisierte Digital- oder IT-Kompetenzen verfügen.
Auch beim Einsatz von KI und Large Language Models bleibt erhebliches Potenzial unerschlossen – unter anderem in Forecasting, Reporting und Working Capital Management.
Ein ähnliches Bild zeichnet Deloitte in den „Finance Trends 2026“: 63 Prozent der befragten Finance-Führungskräfte geben an, KI-Lösungen bereits vollständig in ihrer Funktion einzusetzen. Einen klar messbaren Return on Investment können bislang jedoch lediglich 21 Prozent ausweisen.
Für mich zeigt das vor allem eines: Technologie allein schafft noch keinen unternehmerischen Wert. Die eigentliche Kompetenz liegt in der Übersetzung:
- Welche Prozesse eignen sich tatsächlich für KI?
- Welche Daten sind belastbar genug, um daraus Entscheidungen abzuleiten?
- Wo entsteht ein realer Effizienzgewinn – und wo lediglich der Eindruck von Geschwindigkeit?
- Welche Ergebnisse müssen kritisch hinterfragt werden?
- Und an welchen Stellen entstehen neue Abhängigkeiten oder Risiken?
Diese Fragen sind nicht primär technischer Natur. Sie sind Führungsfragen.
Die eigentliche Kompetenz besteht darin, technologische Möglichkeiten in konkrete geschäftliche Anwendungen zu übersetzen und dabei Chancen, Grenzen und Risiken gleichermaßen einzuordnen.
Darüber haben wir bei Valdivia bereits in unserem Beitrag „Führung in Zeiten von KI: Der Mensch macht den Unterschied“ geschrieben. Der zentrale Gedanke daraus ist heute relevanter denn je: Je stärker KI in operative Prozesse und Entscheidungsabläufe integriert wird, desto wichtiger werden Urteilsvermögen, kritische Reflexion und die Fähigkeit, Menschen durch Veränderung zu führen. Technologie kann Informationen strukturieren, Muster erkennen und Entscheidungsgrundlagen verbessern. Verantwortung übernehmen, Prioritäten setzen und Entscheidungen vertreten müssen weiterhin Menschen.
Gleichzeitig verändern sich klassische Unternehmensfunktionen. Finance, HR, Investment oder Asset Management verlieren nicht an Bedeutung – ihre Rollenprofile entwickeln sich jedoch weiter. Datenkompetenz, technologisches Verständnis und die Fähigkeit, neue Arbeitsweisen nachhaltig in Organisationen zu verankern, werden zunehmend zu integralen Bestandteilen moderner Führung. KI-Kompetenz ist damit keine zusätzliche Spezialdisziplin. Sie wird Teil des professionellen Führungsverständnisses.
Interim Executives als Beschleuniger von Veränderung
Genau darin liegt aus meiner Sicht eine besondere Stärke des Interim Managements. Ein erfahrener Interim Executive bringt nicht nur zusätzliche Führungskapazität in ein Unternehmen. Er oder sie verfügt meist über einen breiten Erfahrungshorizont aus unterschiedlichen Organisationen, Branchen, Strukturen und Transformationssituationen. Und genau diese Erfahrung schafft Vergleichsmöglichkeiten.
Interim Executives haben häufig bereits erlebt, welche Ansätze unter vergleichbaren Bedingungen funktionieren – und an welchen Stellen Transformationen ins Stocken geraten. Wer dieses Erfahrungswissen mit einem fundierten Verständnis für die Potenziale und Grenzen von KI verbindet, kann innerhalb kurzer Zeit erhebliche Hebel aktivieren: Prozesse konsequenter hinterfragen, Prioritäten schärfen, Entscheidungen fundierter vorbereiten und Teams an neue Arbeitsweisen heranführen. Gerade in Situationen, in denen Veränderung unter hohem Zeitdruck gelingen muss, ist diese Verbindung von Erfahrung, Technologieverständnis und Umsetzungskraft von besonderem Wert.
Denn es geht nicht darum, möglichst viel KI einzusetzen. Es geht darum, die relevanten Anwendungsfelder zu identifizieren und daraus messbare Wirkung zu erzeugen.
Moderne Führung bedeutet nicht mehr Kontrolle
Moderne Führung darf dabei nicht mit einer Verdichtung von Kontrolle verwechselt werden. Unser aktueller Valdivia LeadershipImpulse zur „Unsichtbaren Führung“ beschreibt eine Entwicklung, die auch im Kontext von KI an Bedeutung gewinnt: Führungskräfte werden zunehmend zu Impulsgebern, Orientierungspunkten und Gestaltern von Rahmenbedingungen. Ihre Aufgabe besteht weniger darin, jede Entscheidung selbst zu treffen, sondern vielmehr darin, Entscheidungsfähigkeit in der Organisation zu ermöglichen. Gerade im Zusammenspiel von Mensch und KI halte ich diesen Gedanken für zentral.
Denn je stärker Technologie operative Aufgaben übernimmt oder Entscheidungen vorbereitet, desto deutlicher treten jene Fähigkeiten hervor, die sich nicht automatisieren lassen: Urteilsvermögen, Einordnung, Kommunikation, Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein und unternehmerisches Denken.
KI verändert damit nicht nur Prozesse. Sie schärft zugleich den Blick dafür, was gute Führung tatsächlich ausmacht.
„KI wird keine gute Führungskraft ersetzen. Sie wird aber den Unterschied zwischen guter und mittelmäßiger Führung sichtbarer machen. Entscheidend bleibt die Fähigkeit, Technologie in Wertschöpfung zu übersetzen.“
Fazit
Die erfolgreichsten Interim Executives der kommenden Jahre werden nicht diejenigen sein, die die größte Zahl an KI-Tools beherrschen. Erfolgreich werden jene sein, die Technologieverständnis, Geschäftsverständnis und Führungsqualität miteinander verbinden – und daraus konkrete unternehmerische Wirkung ableiten.
KI wird zunehmend zu einem selbstverständlichen Bestandteil unternehmerischer Wertschöpfung. Für Führungskräfte bedeutet das nicht zwangsläufig, sich tiefes technisches Spezialwissen anzueignen. Entscheidend ist vielmehr, technologische Möglichkeiten realistisch einzuordnen, gezielt einzusetzen und Organisationen durch die damit verbundenen Veränderungen zu führen.
Für Interim Executives gilt dies in besonderem Maße: Sie müssen sich schnell orientieren, relevante Hebel erkennen, Prioritäten setzen und innerhalb begrenzter Zeit Wirkung entfalten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Führungskräfte KI nutzen. Sondern ob sie in der Lage sind, aus Technologie unternehmerische Wirkung zu machen.
Welche KI-Kompetenzen erwarten Sie heute bereits von einem Interim Executive?
Mit VIA – Valdivia Interim Associates begleiten wir Unternehmen gezielt in Situationen, in denen Geschwindigkeit, Transformation und Umsetzungskraft gefragt sind: bei Vakanzen, Restrukturierungen, Turnarounds, Wachstumsphasen oder strategischen Projekten. Interim Management verstehen wir dabei nicht als bloße Überbrückung, sondern als gezielt eingesetzte Führungsressource auf Zeit.
Quellen
- PwC / WHU: The Digital CFO 2026 – Studie zur Digitalisierung der Finanzfunktion in der DACH-Region
- Deloitte: Finance Trends 2026
- Valdivia Consulting GmbH, Newsroom
- DDIM-Marktstudie 2026, Dachgesellschaft Deutsches Interim Management e.V. (DDIM).
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