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Sturm im Privaten:
Wenn Führung wankt,
wankt das Unternehmen

29.10.2025
  • Governance
Private Krisen wirken sich auch auf Führung aus. Warum mentale Resilienz und unterstützende Strukturen entscheidend für stabile Organisationen sind.

Private Krisen in der Chefe­tage wirken wie Haar­risse im Trag­w­erk: unsicht­bar, aber folgen­re­ich. Vier Hebel, mit denen Unternehmen struk­turell vorsorgen.

Private Krisen von Führungskräften zählen zu den leisen, aber folgen­re­ichen Risiken modern­er Organ­i­sa­tio­nen. Während oper­a­tive oder Mark­tkrisen meist klar adressiert werden, bleiben persön­liche Belas­tun­gen – Schei­dung, Krankheit, famil­iäre Verpflich­tun­gen oder Verlust – oft unbeachtet. Was geschieht, wenn die Stabil­ität jener ins Wanken gerät, die anderen Halt geben sollen? Und wer fängt die Führungskraft auf, wenn sie selb­st Halt geben muss?

Aktuelle Daten: 49 % der deutschen Führungskräfte nennen eigene Belast­barkeit und Leis­tungs­fähigkeit als größte Heraus­forderung, 61,6 % bericht­en über Erschöp­fung (New Work SE, 2025). Inter­na­tion­al stieg der Druck: 71 % sehen höheres Stress­niveau seit Rollen­be­ginn; 40 % der stark Belasteten denken über Rück­tritt nach (DDI, 2025). Das signal­isiert Risiken in Führungspipelines.

Was sagt das über unsere Unternehmen­skul­turen aus? 

Klar ist: Mentale Stabil­ität wirkt direkt auf Kultur, Leis­tungs­fähigkeit und Bindung. Persön­liche Belas­tun­gen führen zu kogni­tiv­er Über­forderung, emotionaler Distanz und Entschei­dungss­chwäche – mit Folgen für Vertrauen, Team­dy­namik und psychol­o­gis­che Sicherheit.

Um diese Fragen und Wege des Umgangs mit privat­en Krisen auf höch­ster Ebene geht es in der heuti­gen fünften Folge unser­er “Lead­er­ship­Im­pulse”-Reihe im Valdivia News­room. Lassen Sie uns dieses Thema bewusst annehmen.

Wenn Privates die Führungs­fähigkeit prägt

Private Krisen wirken auf mehreren Ebenen. Emotionale Belas­tun­gen veren­gen den Blick, fördern Impul­siv­ität und erschw­eren differen­zierte Entschei­dun­gen. Führung ist Reso­nanz – anges­pan­nte Führung überträgt Unsicher­heit unbe­wusst auf das Umfeld. In der Prax­is zeigt sich das als Rück­zug, Kontroll-Aktion­is­mus oder Kommu­nika­tion­sun­ge­nauigkeit – Effek­te, die Vertrauen und psychol­o­gis­che Sicher­heit schwächen.

Die Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung (DGUV) betont den belegten Zusam­men­hang zwis­chen Führungsver­hal­ten, Selb­st­führung und psychis­ch­er Gesund­heit: Gesun­des Führungsver­hal­ten stärkt Ressourcen und Stabil­ität; fehlende Selb­st­führung schwächt sie – mit langfristi­gen Folgen für Leis­tung und Bindung.

Der stille Einbruch der Leistungsfähigkeit

In Deutsch­land zeigen aktuelle Befra­gun­gen eine Zunahme psychis­ch­er Belas­tun­gen auf Führungsebene:

  • Laut New Work SE (2025) sehen 49 % mentale Stabilität/Leistungsfähigkeit als größte Heraus­forderung; 61,6 % bericht­en Erschöp­fung, u. a. durch Rollen­vielfalt und Dauerstress.
  • Die Bertels­mann Stiftung (2023) zeigt: Höhere Resilien­zw­erte korre­lieren mit gerin­ger­er emotionaler Erschöp­fung und höher­er Leis­tungs­fähigkeit (RFI®).
  • Die BAuA-Studie (2024) belegt: Fehlende Selb­st­führung und mangel­nde soziale Unter­stützung erhöhen das Risiko psychis­ch­er Erkrankun­gen und Leis­tung­sein­brüche um bis zu 45 %.

Auch inter­na­tion­al zeigt sich:

  • 79 % der Betrof­fe­nen in Großbri­tan­nien bericht­en eingeschränk­te Arbeits­fähigkeit; 60 % nennen Angst, Depres­sion oder Stress (Rayden Solic­i­tors, 2021).
  • 23 % braucht­en Krankschrei­bung oder unbezahlten Urlaub, 39 % erlebten Produk­tiv­ität­srück­gänge, 15 % macht­en mehr Fehler/Unfälle (Rayden, 2021).
  • Fast jede zehnte Führungskraft verließ binnen eines Jahres nach der Schei­dung ihr Unternehmen; Beschäftigte in KMU wech­sel­ten vier­mal so häufig wie in Großun­ternehmen (Rayden, 2021).
  • In den ersten sechs Monat­en nach einer Schei­dung sinkt die Produk­tiv­ität im Schnitt um 40 %, im Folge­jahr um weit­ere 20 % (marriageteam.org, 2024).
  • 44 % in einer US-Studie bericht­en mess­bare Beein­träch­ti­gun­gen von Arbeit/Karriere/Engagement durch Scheidung/Trennung (Univer­si­ty of Minneso­ta, 2024).

Fazit dieser Befunde: Private Krisen sind kein indi­vidu­elles Schick­sal, sondern ein Unternehmen­srisiko. Wo Unter­stützung, Gespräch­sange­bote und Präven­tion fehlen, gerat­en ganze Systeme aus der Balance.

Was Unternehmen tun können

Organ­i­sa­tio­nen reagieren mit Program­men, die niedrigschwellig, entstig­ma­tisierend und führungsnah anset­zen: Employ­ee Assis­tance Programs (EAP), Resilien­z­train­ings, Coach­ing in Krisen, flex­i­ble Arbeitsmod­elle und eine offene Kultur. Diese Ange­bote schützen die mentale Gesund­heit der Führungskraft und sich­ern Teamstabilität.

  1. Employ­ee Assis­tance Programs (EAP). Vertrauliche Beratung, Lotsen­funk­tio­nen und schnelle Vermit­tlung senken Ausfal­lzeit­en und erhöhen Rück­kehrfähigkeit. Typis­che Leben­skrisen (Tren­nung, Pflege, Finanzielles) werden adressiert; kompat­i­bel mit BGM-Strukturen.
  2. Resilien­z­train­ings. Fokus auf Acht­samkeit, Emotions-/Impul­skon­trolle, real­is­tis­chen Opti­mis­mus, Selb­st­wirk­samkeit, Zielo­ri­en­tierung – Faktoren, die mit weniger Erschöp­fung, weniger Zynis­mus und höher­er Leis­tungs­fähigkeit korre­lieren (RFI®/Bertelsmann-Studie).
  3. Coach­ing & Krisen-Spar­ring. Geschützte Reflex­ion­sräume stabil­isieren Entschei­dungsqual­ität; regelmäßige Puls-Checks und Stärkenori­en­tierung fördern Bindung und Sicherheit.
  4. Struk­turelle Entlas­tung & Kultur. Temporäre Flex­i­bil­isierung, klare Eskala­tion­sp­fade, Peer-Support und trans­par­ente Kommu­nika­tion („Fehler-Korrek­tur­räume”) reduzieren Kontroll-Aktion­is­mus. Das BAuA/S‑MGA unter­stre­icht den Langzeitzusam­men­hang von Arbeits­be­din­gun­gen, mentaler Gesund­heit und Funk­tions­fähigkeit – ein starkes Argu­ment für präven­tive, kultur­basierte Lösungen.

Ein vertiefend­er Blick auf die mentale Gesund­heit aller Mitar­bei­t­en­den find­et sich in unserem Exper­ten­tipp-Beitrag  . Er zeigt, wie psychol­o­gis­che Sicher­heit und Präven­tion zur Basis gesun­der Führung werden.

Resilienz mess­bar machen: Das Exec­u­tive FiRE-Modell

Das Exec­u­tive FiRE-Modell (Factor of indi­vid­ual Resilience and Effec­tive­ness) erfasst Resilienz bei Führungskräften system­a­tisch und prax­is­nah. Es fasst Ergeb­nisse in einem 28-seit­i­gen Report zusam­men – inklu­sive Hand­lungsempfehlun­gen. Vier Kern-Dimen­sio­nen, die sich entwick­eln lassen:

  1. Focus (Klarheit und Priorisierung)
  2. Inte­gra­tion (Wert- und Selbstkongruenz)
  3. Regen­er­a­tion (aktives Energie-Management)
  4. Effec­tive­ness (Entschei­dungsstärke unter Druck)

So kombiniert der Index Persön­lichkeits­di­ag­nos­tik mit verhal­tens­be­zo­ge­nen Faktoren und zeigt, wie Führung Stabil­ität und Wirk­samkeit in heraus­fordern­den Phasen bewahren kann.

Eine andere System­atik nutzt die Bertels­mann-Studie:  den RFI® (Shat­té) mit sieben Faktoren (Emotion­ss­teuerung, Impul­skon­trolle, Kausal­analyse, real­is­tis­ch­er Opti­mis­mus, Empathie, Selb­st­wirk­samkeit, Zielo­ri­en­tierung). Höhere Resilien­zquo­tien­ten korre­lieren nega­tiv mit Erschöpfung/Zynismus und posi­tiv mit Leis­tungs­fähigkeit – Resilienz ist trainier­bar und wirkt protek­tiv gegen Burn-out-Symptome.

Konkrete Hand­lungs­felder für Boards und Geschäftsleitungen

  1. „First-Aid-Play­book” für Leben­skrisen: Ein definiertes Vorge­hen für Führungskräfte, HR und Betrieb­sräte schafft Orien­tierung bei persön­lichen Krisen: Rollen­klärung, Kommu­nika­tion­srichtlin­ien, Eskala­tion­swege und schneller Zugang zu extern­er Unter­stützung (z. B. EAP). Ziel: Inner­halb von 72 Stun­den nach Bekan­ntwer­den sollte eine erste profes­sionelle Anlauf­stelle aktiv sein – struk­turi­ert, vertraulich, unbürokratisch.
  2. Resilienz-Screen­ing für das Top-Manage­ment: Ein stan­dar­d­isiertes Screen­ing (z. B. Exec­u­tive FiRE-Index) ermöglicht objek­tive Einschätzung der indi­vidu­ellen und organ­i­sa­tionalen Wider­stand­skraft; darauf basierend lassen sich Programme gestal­ten – inkl. Re-Messung nach sechs Monat­en. Ziel: Sicht­bare Fortschritte statt Symbo­l­ik – mentale Stärke als gelebte Führungsrealität.
  1. Bindung als Führungs-KPI: Emotionale Bindung ist mess­bar und sollte Teil von Zielvere­in­barun­gen sein. Kenn­zahlen wie Fehlzeit­en, Fluk­tu­a­tion­srat­en, Unfall­häu­figkeit und Produk­tiv­ität bilden Wirkun­gen von Führung auf Kultur und Gesund­heit ab. Ziel: Führung an Wirk­samkeit messen – wer Vertrauen schafft, stärkt Leis­tung und Loyalität.
  1. Tabus abbauen: Tren­nung, Fami­lie, Über­las­tung: Häufige Belas­tungstreiber offen adressieren: Klare HR-Richtlin­ien, Manag­er-Brief­in­gs, flex­i­ble Zeit­fen­ster. Ziel: Private Belas­tun­gen enttabuisieren – und so Kündi­gungs- und Leis­tungsrisiken vorbeu­gen, die aktuell fast jede zehnte Führungskraft nach einer Tren­nung betreffen.

Diese Hebel zeigen: Mentale belast­barkeit und Stärke sind keine Soft-Skill-Diszi­plin, sondern Führungsver­ant­wor­tung. Wer diese sicht­bar, mess­bar und ansprech­bar macht, schützt die gesamte Organisation.

Fazit: Stärke zeigen heißt, Kurs halten

Private Krisen gehören zum Leben – auch auf Führungsebene. Entschei­dend ist der Umgang. Mentale Stärke ist kein Add-on, sondern Funda­ment für Stabil­ität, Kultur und Leis­tungs­fähigkeit. Systeme wie das Exec­u­tive FiRE-Modell bieten eine fundierte Basis, sie mess- und entwick­el­bar zu machen.

Jenseits jeder Diag­nos­tik gilt:

Wer Führung als Trag­w­erk denkt, schafft vorauss­chauende Statik: Risse früh iden­ti­fizieren, Lasten real­is­tisch bemessen, Bewehrung gezielt verstärken. 

So bleibt das Gebäude stabil—auch wenn der Sturm privat beginnt.

Quellen (Auswahl)

  1. New Work SE (2025): So gefährden persön­liche Krisen den Unternehmenserfolg
  2. Bertels­mann Stiftung (2023): Führung, Gesund­heit und Resilienz (RFI®)
  3. BAuA (2024): Mentale Gesund­heit bei der Arbeit (S‑MGA)
  4. DGUV: Broschure Führung und psychis­che Gesundheit
  5. DDI (2025): Glob­al Lead­er­ship Fore­cast 2025
  6. Rayden Solic­i­tors (2021): Divorce in the Work­place UK Study
  7. hellodivorce.com (2024)
  8. marriageteam.org (2024)
  9. Univer­si­ty of Minneso­ta (2024): Person­nel Psychol­o­gy – Effects of Divorce at Work
  10. Harvard Busi­ness Impact (2025): Glob­al Lead­er­ship Devel­op­ment Study

(Bildquelle: istockphotos.com)