Jenseits der Komfortzone: Leadership-Erfahrungen aus der Raumfahrt
Was können Führungskräfte beitragen, um Ihre Mitarbeitenden unter ungewöhnlichen oder erschwerten Bedingungen zu optimaler Leistung zu befähigen? Die psychologische Forschung für die Raumfahrt bietet dazu wertvolle Antworten und Denkanstöße. In der Vorbereitung auf Langzeitmissionen im All untersucht sie Teamdynamiken, Motivation, Leistung und Zusammenarbeit unter extremer Belastung – mit Erkenntnissen, die Führungskräften auch im irdischen Betriebsalltag unterstützen. Dieser Valdivia LeadershipImpulse-Artikel lädt zu einer metaphorischen Reise zum Mars ein – und zu Ideen, wie sich Teamzusammenhalt und Arbeitsergebnisse selbst unter schwierigsten Bedingungen verbessern lassen.
Countdown zu Erfolgen für Ihre Teams
Die Forschung zur Teampsychologie in der Raumfahrt untersucht vor allem die Dynamik von Gemeinschaften. Damit liefert sie oft wertvolle Erkenntnisse zu Schlüsselthemen moderner Führung in disruptiven Zeiten. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf drei Fragebereiche aus der Raumfahrtforschung, die für eine erfolgreiche Führung von Bedeutung sind:
- Wie sieht eine optimale Team-Zusammenstellung aus? Welche Erfolgsfaktoren sollten die Verantwortliche beachten? Und wo liegen mögliche Ursachen für Störungen?
- Wie lassen sich kritische Situationen verhindern oder entschärfen?
- Welche Prinzipien helfen aus Sicht eines betroffenen Astronauten am besten, Teams auch unter extremem, äußeren Druck erfolgreich arbeiten zu lassen?
Diversität im Team steigert Erfolgschancen
Eine detaillierte Langzeitstudie1 vergleicht die Erfolgschancen homogener und heterogener Teams. Betrachtet werden zwei Variablen, Persönlichkeit und berufliche Fähigkeiten. Das Ergebnis:
- Teams aus Personen mit gleichartigen Persönlichkeiten und Fähigkeiten entwickelten den geringsten Teamgeist, waren anfällig für Stress und Gesundheitsprobleme und erbrachten nur geringe Leistung.
- Teams mit unterschiedlichen Fähigkeiten, aber gleichartigen Persönlichkeiten, schnitten kaum besser ab, entwickelten nur etwas mehr Teamgeist.
- Teams mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, aber gleichartigen Fähigkeiten, entwickelten ebenfalls etwas mehr Teamgeist, zeigten dabei jedoch bessere Leistungen, Gesundheit und Stressresistenz.
Teams aus Personen mit Unterschieden in beiden Variablen waren der klare Gewinner: mit einem starken Teamgeist, guter Leistung, Gesundheit und Stressresistenz. Die Studie berücksichtigt zwar keine hierarchische Rollenverteilung zum Beispiel durch eine:n Kommandant:in. Dennoch bietet sie damit auch für einen irdischen Betriebsalltag Anhaltspunkte, wie Teams zusammengesetzt bzw. zu verbesserter Leistung geführt werden können.
Eine Metrik für Teamfähigkeit
Eine weitere Studie2 beschreibt einen Set persönlicher Merkmale („group living skills“, GLS), die als nützlicher Maßstab für Teamfähigkeit auch unter Belastung gelten können:
- Sauberkeit und Ordnung sowohl bei persönlichen Dingen wie auch bei Arbeitsmaterialien
- ein angemessener Gebrauch von Humor
- die Wertschätzung des Wissens, der Fertigkeiten und Leistungsfähigkeit der Teammitglieder
- Rücksicht gegenüber persönlichen Einstellungen und Vorlieben
Gerade diese oft unterschätzten Faktoren sind geeignet, die Teamfähigkeit systematisch zu beurteilen – zum Beispiel bei der Auswahl von Mitgliedern für Teams, die unter hoher Belastung arbeiten müssen. Die GLS-Metrik verweist zugleich auf Stellschrauben, die eine Führungskraft nutzen kann, um im laufenden Betrieb Fehlentwicklungen zu erkennen und zu korrigieren.
Teambuilding auf festem Boden
Auch viele weitere Erfahrungen aus der Raumfahrt erleichtern das Teambuilding. Damit sorgen im weiteren Projektverlauf zugleich für eine Entlastung von Führungskräfte3:
- Get-together vor dem Kick-off
Der professionelle Umgang mit Konflikten, die gemeinsame Planung, das Entscheiden als Team und eine geteilte Führung funktionieren besser, wenn ein Team zusammenkommt, sich kennenlernt und erste Spielregeln abstimmen kann, bevor die eigentliche Arbeit beginnt.
- Geteilte und gemeinsame Führung
Ähnlich wie bei Astronautenanwärter:innen haben in größeren Teams oft mehrere Mitglieder Führungserfahrung. Nun kann es die Aufgabe erfordern, dass sie das Team im Wechsel oder in Abstimmung gemeinsam leiten. Dazu hilft es, die Betreffenden in einer gezielten Schulung auf wechselnde Rollen in der Führung vorzubereiten.
- Training zu Offenheit und Verständnis
Um den Vorteil der Unterschiede im Team zu realisieren, braucht es gegenseitige Toleranz, ein Verständnis für Unterschiede und Mechanismen, mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Diese Fähigkeiten durch ein begleitetes Training zu üben, erfordert zunächst Investitionen, kann aber dazu beitragen, später Zusatzkosten durch Verzögerungen und Fehler zu vermeiden.
Der Flug zum Mars als Maßstab von Belastung
Raumfahrtstudien beschäftigen sich oft mit der Vorbereitung auf extreme Langzeitmissionen wie den Flug zum Mars3/4. Dabei gewinnen sie wertvolle, praxisrelevante Erfahrungen, mit deren Hilfe auch komplexe, langfristige Projekte in Unternehmen besser Erfolgsaussichten erhalten:
- Guter Informationsfluss und Transparenz stärken das Vertrauen. Dies ist besonders wichtig, wenn – wie bei einem Flug zum Mars – Reaktionen auf Fragen oder Nachrichten nur zeitverzögert eintreffen oder phasenweise ausbleiben.
- Astronaut:innen auf Marsmissionen werden häufig unabhängig von einer Rücksprache mit der Flugkontrolle entscheiden und handeln müssen. Als gutes Mittel zur Rückversicherung und Stabilität von Teams haben sich dabei strukturierte Debriefings mittels eines anonymisierten Fragebogens bewährt. Sie stärken die Resilienz der Teamprozesse, ermöglichen Ehrlichkeit und konstruktive Konfliktlösungen und verbessern so insgesamt die Teamleistung.
- Realistische Arbeitsziele stabilisieren die Leistungsfähigkeit und Moral eines Teams. Mit unrealistischen Zielen entsteht leicht der Eindruck, permanent zu versagen.
Führungseinsichten eines Astronauten
Der Astronaut und Ingenieurwissenschaftsprofessor Mike Massimino5 hat in Büchern, Vorträgen und Interviews seine Erfahrungen mit Führungsrollen unter Extrembedingungen beschrieben. So fasste er in einem Vortrag6 die wesentlichen Merkmale erfolgreicher Führung in vier Punkten zusammen:
- Ein eindeutiger Zweck („purpose“) sorgt für einen klaren Kurs.
- Entschlossenheit hilft, Hindernisse zu überwinden.
- Eine gute Vorbereitung nützt auch bei Unerwartetem.
- Teamwork macht alle gemeinsam stärker.
Eine Führungskraft sollte die Teammitglieder vor allem sehr gut kennen, um auch kritische Situationen mit positiven Ansätzen zu lösen. Massimino empfiehlt dazu ein bewusst reflektierendes Führungsinstrument7: „Erstellen Sie für jedes Teammitglied ein ‚Konto der guten Gedanken‘, in der Sie alles Positive über diese Person aufnehmen – zum Beispiel, was Sie von ihr lernen können oder was Sie gemeinsam haben. Dann werden Sie, wenn etwas schief geht, nicht mit Wut reagieren, sondern es durch gute Gedanken filtern.“
Fazit
Führung unter extremen Bedingungen lässt sich als Führung „in der Schwerelosigkeit“ verstehen: Gewohnte Bezugspunkte fehlen, ein klares „Oben“ und „Unten“ existiert nicht mehr. Orientierung entsteht in solchen Situationen weniger durch Hierarchie als durch Klarheit – durch das Wissen, worauf es ankommt, auch wenn nicht alles plan- oder vorhersehbar ist.
Die Raumfahrt steht dabei für High Performance unter Extrembedingungen: minimale Fehlertoleranz, maximale Komplexität, permanenter Druck. Erfolgreiche Führung zeigt sich hier nicht in Lautstärke oder Kontrolle, sondern in Vorbereitung, mentaler Klarheit, präziser Kommunikation und einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl. Vertrauen wird zum zentralen Steuerungsprinzip.
Für Unternehmen und ihre Verantwortungsträger:innen liefern diese Erkenntnisse erprobte Prinzipien für kritische Situationen: in Szenarien denken, Verantwortung teilen, Entscheidungen absichern – und zugleich loslassen können. Leadership bedeutet dann, Orientierung zu geben, wo starre Vorgaben nicht mehr tragen.
Quellen
- Iser Pena, Hao Chen: „Exploring team dynamics and performance in extended space missions using agent-based modeling“, Department of Systems and Enterprises, Stevens Institute of Technology, Hoboken, New Jersey, United States of America, Oktober 2025
- Landon LB, Miller JCW, Bell ST and Roma PG: „When people start getting real: The Group Living Skills Survey for extreme work environments“, Front. 15:1348119, doi: 10.3389 / fpsyg.2024.1348119, April 2024
- Lauren Blackwell Landon, Kelley J. Slack, Jamie D. Barrett: „Teamwork and Collaboration in Long-Duration Space Missions: Going to Extremes“, American Psychologist, Juni 2018
- Rainer W. Sauer: „Über den Umgang mit Veränderung — Weshalb die Bewohner der ISS gute Teamarbeiter sind“, verwaltungstraining.blog, 2023
- Mike Massimino, NASA-Astronaut (2 Hubble-Reparaturmissionen), seit 2014 Professor der Ingenieurswissenschaften an der Columbia Universität, New York City
- „Astronaut Mike Massimino’s leadership lessons from space“, Dassault Systeme Blog, Juli 2022
- Mike Massimino, zitiert in „Michał Poczwardowski: High Stakes Leadership: Two Key Rules from Orbit“, perspectiveship.com, Oktober 2025
(Bildquelle: istockphotos.com)