Wie können sich Unternehmen auf die immer rascheren Veränderungen einstellen, die heute Märkte und Arbeitswelt bestimmen?
Spätestens seit Künstliche Intelligenz allgemein zugänglich ist, erscheinen klassische Entscheidungshierarchien oft zu langsam. Als Antwort darauf wurden in den letzten Jahren neue Führungsmodelle entworfen, die die nötige Anpassung unterstützen und vor allem beschleunigen sollen. Im Rahmen der Valdivia Leadership Impulse stellen wir nun sowie in den folgenden Ausgaben einige dieser Denkmodelle vor. Das erste, „Pirate Leadership“, zeigt, wie aus überraschenden Vorbildern praktischer Nutzen entstehen kann.
Teilhabe und Demokratie: das Vorbild aus dem 17. Jahrhundert
2009 veröffentlichte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Peter T. Leeson sein Sachbuch „The Invisible Hook: The Hidden Economics of Pirates“ und beschrieb darin die Grundidee einer Pirate Leadership1. Selbstverständlich ging es ihm nicht um ein Lob illegaler Handlungen. Vielmehr richtete er seinen Fokus auf die Ideen von Teilhabe, Gerechtigkeit und Demokratie, mit denen die karibischen Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts ihrer Zeit weit voraus waren.
In jener Zeit unterschieden sich die Arbeitsbedingungen gewöhnlicher Seeleute in der Handels- oder Kriegsmarine kaum von denen eines Sklaven. So war es in den meisten Fällen der Wunsch nach Freiheit und besserer Behandlung, der sie zu Piraten machte – und zu Gemeinschaften formte, die Gleichstellung, Mitbestimmung und Sozialfürsorge kannten:
- Kapitäne wurden gewählt und konnten auch abgewählt werden.
- Neben dem Kapitän gab es den Quartiermeister, der als vermittelnde Rolle zwischen Kapitän und Besatzung eingesetzt war.
- Es gab Regeln, die Frauen und selbst Gefangenen eine gute Behandlung garantierten.
- Beute wurde gleichmäßig verteilt; selbst der Kapitän erhielt lediglich einen doppelten Anteil.
- Verletzte und verstümmelte Besatzungsmitglieder wurden aus der Beute versorgt, bevor diese aufgeteilt wurde.
Erfolgsmerkmale einer Pirate Leadership
„Moderne Führungskräfte könnten sich einiges von den Rebellen des ‚goldenen Zeitalters der Piraterie‘ abschauen“ befand 2019 auch ein Beitrag im Wall Street Journal2. Doch welche positiven Merkmale lassen sich für eine moderne Unternehmensführung konkret aus der Gemeinschaftsidee der historischen Piraten ableiten?
Für die historischen Piraten schuf der gemeinsame Wunsch nach Gerechtigkeit, Fairness und Selbstbestimmung ein klares Wertegerüst. Demokratische Teilhabe und das Erleben von Selbstwirksamkeit machten diese Werte konkret erfahrbar. Erfolgreich wird Pirate Leadership für Unternehmen dann, wenn es diesen Schritt von klaren Werten zu gelebter Praxis nachvollzieht:
- Selbstorganisation und Mitsprache bei Entscheidungen stärken die Motivation und die Zustimmung zu gemeinsam vereinbarten Zwecken („purpose“) und Zielen.
- Gleichberechtigte Kommunikation und ein gegenseitiges Verständnis verbessern auch den Zusammenhalt und die Beziehungen im Team.
- Entscheidungsprozesse werden schneller und agiler. Unkonventionelle, innovative Lösungen erhalten durch typisch piratische Risikobereitschaft bessere Realisierungschancen.
- Wechselnde, gewählte Teamleitungen ermöglichen einer größeren Zahl von Beteiligten, sich als „Kapitän“ zu erproben. Zugleich wächst das Verständnis für Führungsentscheidungen von Kolleg:innen oder des Managements.
- Das Unternehmen wird insgesamt resilienter gegenüber dem sogenannten VUCA-Umfeld3 aus volatilen Entwicklungen, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit.
Navigation zwischen den Riffen der KI-Welt
Neue Bedeutung gewinnen die Prinzipien einer Pirate Leadership durch die Unsicherheit, die mit der Nutzung und Entwicklungsgeschwindigkeit der Künstlichen Intelligenz verbunden ist. Denn KI macht Transformation zum Dauerzustand; der Begriff einer VUCA-Welt ist aktueller denn je. In dieser Lage können „Piratenregeln“ wichtige Leitplanken sein:
KI-gestützte Abläufe sind komplex, vor allem wo agentische KI eigenständig handelt. Gerade hier sollten alle Mitarbeitenden eingebunden sein und ihre kollektive Intelligenz nutzen.
- Eine gewählte bzw. wechselnde (Team-) Führung baut auf Vertrauen anstelle strikter Hierarchie und Kontrolle.
- Ganz wie einst der Quartiermeister ein Gegengewicht zur Autorität des Kapitäns bildete, verlangt der Einsatz von KI klare Kontrollinstanzen.
- Eine verbindliche Governance und transparente Regeln für Ethik, Verantwortlichkeiten und den Umgang mit Daten sind unverzichtbar.
- KI verändert Märkte, Geschäftsfelder und Branchen in hohem Tempo. Schnelle Kurswechsel und kontinuierliches Lernen sind daher entscheidend.
Beweglich ans Ziel: das Organisationsmodell
In einer Trendstudie von 20254 verweist auch Deloitte – ohne Pirate Leadership direkt zu erwähnen – auf die Notwendigkeit, in einem hoch dynamischen Umfeld mutige Entscheidungen zu treffen: „Unsere Human Capital Trends 2025 zeigen: Das Zögern kann für Unternehmen riskanter sein als mutige Entscheidungen zu treffen. Wer zu lange abwartet, läuft Gefahr, Chancen zu verpassen und an Agilität zu verlieren.“ Dazu beschreibt die Studie Ideen für Struktur und Prozesse im Unternehmen, die eine Pirate Leadership ideal ergänzen könnten:
- Menschen und Positionen
Mitarbeitende werden nicht mehr allein nach beruflichen Erfahrungen und Karriereweg eingeordnet, sondern nach der Gesamtheit ihrer Fähigkeiten, Interessen, Motivation und Potenziale. Damit arbeiten sie in funktionsübergreifenden Teams und sind über Gemeinschaftsplattformen und Kompetenzgewerke organisiert.
- Informations- und Arbeitsprozesse
Wo bislang nur das eigene Team und die Teamleitung zuständig war, fließen Informationen in Zukunft KI-gestützt über Teamgrenzen hinweg. In gleicher Form richten sich Arbeitsprozesse konsequent auf konkrete Ergebnisse und optimale Wertschöpfung aus.
- Unternehmen und Organisation
Anstelle fixer Funktionen und Silos sind menschliche wie digitale Mitarbeitende in flexiblen Teams aus internen und externen Kräften organisiert, die sich beweglich den Zielen des Unternehmens oder den Wünschen von Kunden anpassen.
Fazit
Pirate Leadership steht für ein Führungsmodell, in dem Führung nicht durch Hierarchie und Herkommen festgelegt ist, sondern situativ flexibel bestimmt wird – sofern sie, zumindest auf Teamebene, nicht sogar an Bedeutung verliert. Weitere Merkmale sind Eigenverantwortung und Motivation jedes einzelnen Mitarbeitenden, verwurzelt in der Erfahrung von Teilhabe, Mitsprache und Selbstwirksamkeit.
Mit den fließenden Strukturen einer Pirate Leadership ist die gesamte Organisation auf rasches und bei Bedarf unkonventionelles Handeln ausgelegt, um auf Veränderungen in Märkten, Technologien und Arbeitswelt besser reagieren zu können. So entsteht ein Führungsverständnis, das Strukturen schafft, in denen Teams selbstständig den richtigen Kurs finden. Für Entscheider:innen bedeutet das: weniger Kontrolle im Detail, dafür mehr Klarheit über Richtung, Regeln und Verantwortung.
Quellen
- Peter T. Leeson, „The Invisible Hook: The Hidden Economics of Pirates“, (ISBN 0–691-13747–1), Princeton University Press, 2009
- „Acts of Rebellion: Why ‚Pirates’ Are Good for Business“, Deloitte / Wall Street Journal, Oktober 2019
- Das englische Akronym VUCA (für „volatility, uncertainty, complexity, ambiguity“) stammt aus dem Militärjargon und bezeichnet eine von schnellem und unvorhersehbarem Wandel geprägte Welt.
- „2025 Global Human Capital Trends“, Deloitte Insights, April 2025
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