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Valdivia Gastbeitrag in der FAZ

“Hybride Manager sind gefragt”
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juli 2022

18.08.2022
  • Spezial

Von Antho­ny Baum­ruk, Part­ner bei Valdivia Consult­ing GmbH.

Neue Anforderun­gen an Führungskräfte in der Immobilienwirtschaft

Verän­derung birgt Chan­cen. Nur wenige Branchen unter­laufen aktuell einen solchen Wandel wie die deutsche Immo­bilien­wirtschaft. Inve­storen, Bauun­ternehmen, Dien­stleis­ter und viele weit­ere kommen immer mehr unter Druck. Die Anhebung des Leitzins­es, die Folgen der neuen geopoli­tis­chen Lage in Europa, zukun­ft­strächtige und belast­bare ESG-Strate­gien (Envi­ron­men­tal, Social and Gover­nance — Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und digi­tale Trans­for­ma­tio­nen inner­halb der Organ­i­sa­tio­nen sind nur einige der Heraus­forderun­gen, denen sich die Branche und das dazuge­hörige Senior-Manage­ment in den näch­sten Jahren stellen müssen. Hier­bei können erfol­gre­iche Führungskräfte neue Impulse setzen und die Branche in ein neues Zeital­ter führen.

Die Fakten sprechen für sich: Die Immo­bilien­branche besitzt eine hohe gesamtwirtschaftliche Bedeu­tung in Deutsch­land. Laut offiziellen Statis­tiken gibt es etwa 42 Millio­nen Haushalte, 489 großflächige Einkauf­szen­tren und mehr als 323 700 Büro- und Verwal­tungs­ge­bäude. Mit mehr als 645 Milliar­den Euro trug die Immo­bilien­wirtschaft im Jahr 2021 rund 20 Prozent zur gesamten Brut­tow­ertschöp­fung in Deutsch­land bei. Der Gebäude­sek­tor verur­sachte ein Drit­tel des deutschen CO2-Ausstoßes.

Die Immo­bilien­branche im weitesten Sinne und ihre Entschei­der in den Führungse­ta­gen der Unternehmen besitzen dementsprechend viel wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Verant­wor­tung. In den näch­sten Jahren wird der Markt Führungskräfte bevorzu­gen, die zum einen ein tiefes oper­a­tives Wissen verschieden­ster Kern­bere­iche abbilden können und gleichzeit­ig über weitre­ichende Führungser­fahrung und ‑qual­itäten verfü­gen. Zum anderen müssen diese Führungskräfte auch Erfahrung im Aufbau und in der Leitung nach­haltiger Unternehmen­sprozesse besitzen. Gener­al­is­ten und Spezial­is­ten zugle­ich — etablierte Führungskräfte genau­so wie die Vertreter der neuen Gener­a­tion. Eine Form des “Hybri­den Managers” ist gefragt.

Vorstände und Geschäfts­führer werden immer mehr zu dynamis­chen und inter­diszi­plinären Projek­t­man­agern, die sich täglich mit detail­lierten Einzelthe­men und zugle­ich mit weitre­ichen­den Manage­ment­the­men auseinan­der­set­zen müssen. Manag­er, die ihr Unternehmen im Detail kennen, können in der aktuellen Mark­t­phase auch schneller unternehmerische Chan­cen und Risiken einschätzen und zum Beispiel entschei­den, ob Baukoste­nen­twick­lung oder Energiepreise für ihr Unternehmen ein wirk­lich­es beziehungsweise rele­vantes Risiko darstellen. Erfol­gre­iche Managerin­nen und Manag­er soll­ten sich also bei rele­van­ten Prozessen schnell und präzise involvieren und gleichzeit­ig auch viele Themen delegieren, dabei jedoch stets ein grundle­gen­des Verständ­nis hinsichtlich der delegierten Prozesse haben.

Zwei maßge­bliche Trends, welche die Branche langfristig beein­flussen werden, sind zum einen die Digi­tal­isierungsen­twick­lung in Unternehmen, zum andern die neuen ESG-Richtlin­ien. Digi­tale Invest­ment­tools, E‑Bilanzen, Build­ing Infor­ma­tion Model­ing (BIM) sind essen­ziell, damit Führungskräfte informiert Entschei­dun­gen tref­fen können und gleichzeit­ig alle Stake­hold­er ein trans­par­entes Bild des Unternehmens erhal­ten. Auch die Einbringung digi­taler DNA ist vonnöten. Um Letzt­ge­nan­nte konkur­ri­ert die Branche mit Unternehmen, die einen höheren Digi­tal­isierungs­grad ausweisen — und das glob­al. Des Weit­eren müssen Vorstände viele Entschei­dun­gen bei Invest­ment- und Asset­man­age­ment­prozessen hinsichtlich Nach­haltigkeits­stan­dards bewerten. ESG-Scor­ing beziehungsweise ESG-Compli­ance sind ein vergle­ich­sweise neues Feld, bei dem Wissen und Kompe­ten­zen in der ersten Führungsebene vorhan­den sein müssen.

Neben einem sehr flex­i­blen, auf Inte­gra­tion abzie­len­den Führungsstil soll­ten Führungskräfte Qual­itäten einbrin­gen, die ihre Mitar­beit­er erfol­gre­ich durch diese heraus­fordern­den Zeit­en, jetzt und auch in Zukun­ft, navigieren. Essen­ziell sind eine klare, trans­par­ente, real­is­tisch ausgelegte Kommu­nika­tion — sei es auf der “Baustelle” oder auch “remote” — und ein hohes Maß an Empathie, um Person­al zu führen und vor allem auch zu halten. Angestellte müssen sich mit Themen wie der digi­tal­en Trans­for­ma­tion oder auch poli­tis­chen Verän­derun­gen genau­so auseinan­der­set­zen wie ihre Vorgesetzten.

Erfol­gre­iche Führungskräfte in der Immo­bilien­branche entwick­eln sich ergo stetig weit­er, lernen dazu, verste­hen Mega­trends der Zukun­ft wie Digi­tal­isierung oder ESG und können abschätzen, wie diese Themen ihr Unternehmen beein­flussen. Sie involvieren sich mit einem hohen Maß an Erfahrung und Selb­st­sicher­heit gleichzeit­ig in verschiedene Projek­te. Als Hybri­dantrieb können sie so dem neuen Zeital­ter gerecht werden. Krisen­er­probte, lösung­sori­en­tierte Manag­er mit einem hohen Maß an Kreativ­ität und Resilienz und dem Blick für die Zukun­ft sind hier klar im Vorteil.

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