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Mehr Daten, weniger Klarheit?

Wie Führungskräfte
Entscheidungsstärke bewahren

19.08.2026
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Von Daniel Bauer, Manag­ing Part­ner bei VALDIVIA

Wenn ich mit CEOs, Bere­ichsvorstän­den oder Geschäftsführer:innen der Immo­bilien­branche spreche, fällt mir immer wieder eine Beobach­tung auf: Die meis­ten Führungskräfte leiden nicht unter einem Mangel an Infor­ma­tio­nen. Eher im Gegenteil.

Noch nie standen den Verant­wortlichen so viele Daten, Analy­sen, Dash­boards, Mark­t­berichte und Hand­lungsmöglichkeit­en zur Verfü­gung wie heute. Gleichzeit­ig werden Entschei­dungszyklen kürz­er, die Unsicher­heit bleibt hoch und die Zahl rele­van­ter Themen nimmt stetig zu. Strate­gis­che Trans­for­ma­tio­nen, regu­la­torische Anforderun­gen, Digi­tal­isierung, Person­al­fra­gen, geopoli­tis­che Entwick­lun­gen oder neue Tech­nolo­gien konkur­ri­eren täglich um Aufmerksamkeit.

Die Heraus­forderung beste­ht daher oft nicht darin, Infor­ma­tio­nen zu beschaf­fen. Die eigentliche Heraus­forderung beste­ht darin, aus einer Vielzahl von Optio­nen die richtige Entschei­dung abzuleit­en. Genau an diesem Punkt sprechen viele heute von „Deci­sion Fatigue“ – Entschei­dungser­mü­dung. Präzis­er lässt sich auch von Entschei­dungsüber­las­tung oder Entschei­dungs­druck durch Infor­ma­tions­flut sprechen.

Gemeint ist damit nicht Über­forderung oder mangel­nde Belast­barkeit. Vielmehr beschreibt der Begriff eine Real­ität modern­er Führungsar­beit: Wer täglich viele wichtige Entschei­dun­gen trifft, muss bewusst mit sein­er Aufmerk­samkeit, sein­er Zeit und sein­er Urteils­fähigkeit umgehen.

Wenn Infor­ma­tio­nen Entschei­dun­gen erschweren

Dass diese Entwick­lung nicht nur ein subjek­tives Gefühl ist, zeigen aktuelle Befra­gun­gen. In einer von Oracle beauf­tragten Studie erklärten 85 Prozent der in Deutsch­land Befragten, dass die wach­sende Daten­menge Entschei­dun­gen kompliziert­er macht. 55 Prozent standen nach eigen­er Aussage mehr als einmal täglich vor einem Entschei­dungs­dilem­ma. 69 Prozent hatten bere­its eine Entschei­dung vermieden, weil sie sich von der Menge der verfüg­baren Infor­ma­tio­nen über­fordert fühlten.

Für die Immo­bilien­wirtschaft ist diese Entwick­lung beson­ders rele­vant. Die Digi­tal­isierungsstudie 2025 des Zentralen Immo­bilien Auss­chuss­es (ZIA) und von EY-Parthenon zeigt, dass 79 Prozent der befragten Unternehmen fehlende person­elle Ressourcen und 75 Prozent eine unzure­ichende Daten­qual­ität als zentrale Brems­fak­toren der digi­tal­en Trans­for­ma­tion nennen. Gleichzeit­ig betra­cht­en 90 Prozent der Befragten Künstliche Intel­li­genz als Schlüs­sel­tech­nolo­gie der kommenden fünf Jahre.

Die Heraus­forderung beste­ht damit nicht darin, möglichst viele Daten und Tech­nolo­gien bere­itzustellen. Entschei­dend ist vielmehr, aus ihnen verlässliche Entschei­dungs­grund­la­gen zu entwick­eln – und zu erken­nen, wann zusät­zliche Infor­ma­tio­nen keinen wesentlichen Erken­nt­nis­gewinn mehr bringen.

Thomas Dries, Mitglied unseres aktiv­en Beirats bei Valdivia, brachte dies kürzlich in einem Gespräch tref­fend auf den Punkt:

„Irgendwann muss eine Führungskraft eine Entscheidung treffen. Auf die letzten fünf Prozent zusätzlicher Information zu warten, verbessert die Qualität der Entscheidung sicher nicht mehr.“

Ein Gedanke, der in vielen Unternehmen aktueller ist denn je. Denn der Wunsch nach voll­ständi­ger Sicher­heit kann para­dox­er­weise dazu führen, dass Entschei­dun­gen verzögert werden, während Chan­cen verstreichen.

Auch die gesamtwirtschaftliche Situ­a­tion erhöht den Entschei­dungs­druck. Im 28. Glob­al CEO Survey von PwC erwarteten 56 Prozent der deutschen CEOs einen Rück­gang des Wach­s­tums im Inland. Als wesentliche Risiko­fak­toren wurden unter anderem makroökonomis­che Volatil­ität, geopoli­tis­che Entwick­lun­gen, Cyber­risiken und der Fachkräfte­man­gel genannt.

In einem solchen Umfeld geht es für Führungskräfte nicht darum, Unsicher­heit voll­ständig zu beseit­i­gen. Es geht darum, mit Unsicher­heit struk­turi­ert umzuge­hen, Annah­men trans­par­ent zu machen und trotz unvoll­ständi­ger Infor­ma­tio­nen hand­lungs­fähig zu bleiben.

Bessere Struk­turen statt mehr Kontrolle

Gleichzeit­ig beobacht­en wir, dass viele erfol­gre­iche Führungsper­sön­lichkeit­en sehr bewusst Struk­turen schaf­fen, um die Qual­ität ihrer Entschei­dun­gen zu sich­ern. Dazu gehört die konse­quente Dele­ga­tion oper­a­tiv­er Themen eben­so wie der Austausch mit vertrauenswürdi­gen Sparringspartnern.

Bere­its in meinem kürzlich erschiene­nen Beitrag zu Invis­i­ble Lead­er­ship habe ich die Frage beleuchtet, warum wirk­same Führung häufig dort entste­ht, wo Führungskräfte nicht jede Entschei­dung selb­st tref­fen oder perma­nent sicht­bar sein müssen.

Gute Führung bedeutet nicht, jeden Vorgang zu kontrol­lieren. Gute Führung bedeutet, Orien­tierung zu geben, Verant­wortlichkeit­en zu schaf­fen und Menschen in die Lage zu verset­zen, eigen­ständig zu handeln.

Die Bunde­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin (BAuA) weist eben­falls in einer rele­van­ten Publika­tion darauf hin, dass Führungskräfte beson­ders häufig mit hohen Arbeit­san­forderun­gen konfron­tiert sind. Dazu zählen Unter­brechun­gen, stark­er Termin- und Leis­tungs­druck sowie die gleichzeit­ige Betreu­ung verschieden­er Aufgaben. Bei Führungskräften mit mehr als zehn Mitar­bei­t­en­den berichteten beispiel­sweise 64 Prozent, häufig bei der Arbeit gestört und unter­brochen zu werden.

Diese Zahlen verdeut­lichen: Entschei­dungsqual­ität hängt nicht nur von indi­vidu­eller Erfahrung oder Belast­barkeit ab. Sie hängt auch davon ab, ob eine Organ­i­sa­tion konzen­tri­ertes Arbeit­en, klare Zuständigkeit­en und ausre­ichend Reflex­ion­szeit ermöglicht.

Nils Hüben­er, eben­falls aktives Mitglied unseres Beirats, formulierte es so:

„Eine wichtige Erkenntnis meiner beruflichen Laufbahn war, dass nicht jede wichtige Entscheidung auf meinem Schreibtisch getroffen werden muss.“

Diese Aussage mag zunächst selb­stver­ständlich klin­gen. In der Prax­is ist sie jedoch alles andere als triv­ial. Wer Verant­wor­tung trägt, neigt häufig dazu, möglichst viele Themen selb­st zu steuern. Langfristig entste­ht daraus jedoch ein Engpass, der nicht nur die eigene Wirk­samkeit begren­zt, sondern auch die Entwick­lung von Teams und Organ­i­sa­tio­nen hemmen kann.

Dele­ga­tion bedeutet dabei nicht, die gesamte Verant­wor­tung abzugeben. Sie bedeutet, Verant­wor­tung sinnvoll zu verteilen. Die Führungskraft bleibt für Rich­tung, Rahmen und Ergeb­nis verant­wortlich – sie muss jedoch nicht jede oper­a­tive Entschei­dung selb­st treffen.

Wider­spruch als Qualitätsmerkmal

Doch selb­st die besten Struk­turen erset­zen nicht den Wert unter­schiedlich­er Perspek­tiv­en. Gerade auf C‑Level wird die Qual­ität von Entschei­dun­gen maßge­blich davon beein­flusst, ob unter­schiedliche Mein­un­gen zuge­lassen werden. Führung bedeutet nicht, immer die richtige Antwort zu kennen. Führung bedeutet häufig, die richti­gen Fragen zu stellen und Menschen um sich zu haben, die bere­it sind, andere Blick­winkel einzubrin­gen, und Verant­wor­tung zu übernehmen

Dieser Gedanke erin­nert an einen zentralen Aspekt meines Beitrags zur Meth­ode des Pirate Lead­er­ship. Fortschritt entste­ht oft nicht durch Konfor­mität, sondern durch Menschen, die beste­hende Denkmuster hinter­fra­gen, neue Wege aufzeigen und den Mut haben, gegen den Strom zu argumentieren.

Für Führungskräfte bedeutet das, konstruk­tiv­en Wider­spruch nicht als Störung, sondern als festen Bestandteil guter Entschei­dung­sprozesse zu verstehen.

Die Qualität einer Entscheidung hängt oft auch davon ab, ob Menschen im Raum sind, die bereit sind zu widersprechen. 

Psychol­o­gis­che Sicher­heit ist dabei eine wichtige Voraus­set­zung. Mitar­bei­t­ende müssen den Eindruck haben, dass abwe­ichende Einschätzun­gen nicht automa­tisch als Illoy­al­ität oder mangel­nde Unter­stützung inter­pretiert werden. Nur dann werden Risiken frühzeit­ig sicht­bar, Annah­men hinter­fragt und Alter­na­tiv­en ernsthaft geprüft.

Ein profes­sioneller Spar­ringspart­ner erfüllt deshalb nicht nur eine bera­tende Funk­tion. Er hilft, Prior­itäten zu schär­fen, Annah­men offen­zule­gen und Entschei­dung­sop­tio­nen aus unter­schiedlichen Perspek­tiv­en zu betrachten.

Was moderne Führung auszeichnet

In einer Zeit, in der Komplex­ität eher zu- als abnimmt, wird genau das zu einem entschei­den­den Wettbe­werb­svorteil. Denn die besten Entschei­dun­gen entste­hen selten im Allein­gang. Sie entste­hen dort, wo Erfahrung auf unter­schiedliche Perspek­tiv­en trifft, und Diskus­sion zuge­lassen wird.

Für uns bei Valdivia ist deshalb klar: Moderne Führung wird nicht daran gemessen, wie viele Entschei­dun­gen eine Führungsper­son trifft. Entschei­dend ist vielmehr die Fähigkeit, Prior­itäten zu setzen, Orien­tierung zu geben und auch unter Unsicher­heit hand­lungs­fähig zu bleiben.

Oder anders formuliert:

Die besten Führungskräfte tref­fen nicht mehr Entschei­dun­gen als andere. Sie wissen, welche Entschei­dun­gen ihre Aufmerk­samkeit wirk­lich verdienen.

Die Fähigkeit, Verant­wor­tung zu teilen, unter­schiedliche Perspek­tiv­en zuzu­lassen und Klarheit in komplex­en Situ­a­tio­nen zu bewahren, verbindet letztlich viele der Führungs­the­men, die wir bei Valdivia regelmäßig betrachten.

Ob im Kontext von Invis­i­ble Lead­er­ship, Pirate Lead­er­ship oder der Frage, wie Führungskräfte mit einer immer größeren Infor­ma­tions­flut umge­hen: Im Mittelpunkt steht immer dieselbe Heraus­forderung – Menschen und Organ­i­sa­tio­nen erfol­gre­ich durch Verän­derung zu führen.

 

Weit­ere Stim­men zum Thema aus dem Valdivia-Beirat

Was hilft Ihnen persön­lich, auch bei hoher Komplex­ität gute Entschei­dun­gen zu tref­fen „Ich versuche, zwis­chen drin­gen­den und wirk­lich wichti­gen Entschei­dun­gen zu unter­schei­den. Nicht alles, was laut ist, ist auch strate­gisch relevant.“

Welche Erken­nt­nis würden Sie jungen Führungskräften mitgeben? „Perfek­te Infor­ma­tio­nen gibt es selten. Wer ständig auf absolute Sicher­heit wartet, verpasst oft den richti­gen Zeit­punkt zum Handeln.“

Welche Rolle spie­len Spar­ringspart­ner für gute Entschei­dun­gen? „Eine Führungskraft wird nicht daran gemessen, wie oft sie Recht hat. Entschei­dend ist, ob sie Menschen um sich hat, die offen wider­sprechen dürfen.“

Fazit

Leadership bedeutet nicht, jede Entscheidung selbst zu treffen. Leadership bedeutet, die richtigen Entscheidungen möglich zu machen.

 

Quellen & Anmerkungen

  1. Haufe: Daten­flut in Unternehmen erschw­ert Entscheidungsprozesse
  2. Studie: Infor­ma­tions­flut bremst Manag­er – Entschei­dun­gen verzehn­fachen sich
  3. Immo­bilien­wirtschaft im Umbruch – was 10 Jahre Digi­tal­isierung zeigen | ZIA
  4. BAuA: Fakten – Psychis­che Belas­tung und mentale Gesund­heit bei Führungskräften – Bunde­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedizin
  5. PwC: 28th Glob­al CEO Survey 2025

(Bildquelle: Valdivia Consult­ing GmbH in Koop­er­a­tion mit new office GmbH

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