Im heutigen Teil der Reihe LeadershipImpulse im Valdivia Newsroom rücken wir eine Frage in den Fokus, die im Alltag oft unterschätzt wird – in Besetzungsrunden aber hochrelevant ist:
Welche Aussagekraft haben Arbeitszeugnisse – und warum sollten persönliche Empfehlungsschreiben und qualifizierte Referenzen bei Führungsentscheidungen deutlich stärker gewichtet werden?
Warum formale Unterlagen für Führungsrollen nicht reichen
Personalentscheidungen auf Führungsebene sind selten eine Frage sauberer Lebensläufe allein. Entscheidend sind Wirkung, Haltung, belastbare Leistung – und die Frage, wie eine Führungspersönlichkeit unter realen Bedingungen agiert.
Diese Perspektive prägt auch andere Beiträge der Reihe LeadershipImpulse, etwa zur Entscheidungsqualität in stabilen wie in dynamischen Phasen. Umso bemerkenswerter ist es, wie stark im Auswahlprozess vieler Organisationen noch immer ein Dokument im Zentrum steht, dessen Logik vor allem juristisch ist: das Arbeitszeugnis.
Demgegenüber beruhen Empfehlungsschreiben und persönliche Referenzen auf erlebter Zusammenarbeit. Sie sind freiwillig, persönlich verantwortet – und damit häufig die tragfähigste Evidenz für Führungswirkung. Wer heute über Schlüsselrollen entscheidet, sollte die Gewichtung zwischen formalem Zeugnis und gelebter Referenz neu justieren.
Persönliche Empfehlungsschreiben: das wichtigste Instrument für Führungs-Evidenz
Empfehlungsschreiben sind eine besondere Form der Referenz – und in der Bewertung von Führung häufig das aussagekräftigste schriftliche Dokument. Anders als beim Zeugnis gibt es:
- keinen Rechtsanspruch,
- keine Pflichtform,
- keine kodierte Zeugnissprache.
Empfehlungsschreiben entstehen meist nach enger, oft anspruchsvoller Zusammenarbeit – etwa nach einem Schlüsselprojekt, einer erfolgreichen Mandatsphase oder einer längeren Führungsbeziehung – und verdichten diese Erfahrung in einer schriftlichen, persönlich verantworteten Einschätzung.
Gerade auf der Top-Ebene sind solche Schreiben noch nicht flächendeckend etabliert. Wo sie vorliegen, sind sie deshalb umso wertvoller: Jemand ist bereit, seine eigene Reputation mit einer konkreten Empfehlung zu verbinden.
Hilfreich sind Empfehlungsschreiben insbesondere dann, wenn sie über allgemeines Lob hinausgehen und klar benennen,
- in welchen Situationen gemeinsam gearbeitet wurde,
- welche Entscheidungen prägend waren,
- wie unter Druck priorisiert wurde,
- welche Haltungen und Verhaltensmuster verlässlich sichtbar waren.
Solche beispielgestützten Beschreibungen richten den Blick auf reale Führungswirkung und ergänzen formale Dokumentation um erfahrungsbasierte Evidenz. Ein gutes Empfehlungsschreiben liefert damit nicht nur einen positiven Eindruck, sondern eine nachvollziehbare Leistungs- und Wirkungsperspektive aus erster Hand.
Aus Executive-Search-Sicht: Empfehlungsschreiben als Evidenzanker
Aus Sicht einer Executive-Search-Beratung besitzen persönliche Empfehlungsschreiben einen besonderen Stellenwert: Sie liefern freiwillige, reputationsgetragene Evidenz.
Sie beschreiben Führungswirkung in konkreten Kontexten – etwa:
- wie Entscheidungen vorbereitet und getroffen wurden,
- wie Priorisierung und Ressourcensteuerung unter Zeit- und Ergebnisdruck funktionierten,
- wie Stakeholder-Management und Zusammenarbeit erlebt wurden.
Professionelle Search-Prozesse nutzen Empfehlungsschreiben daher häufig als Evidenzanker:
- Sie validieren die Kandidatenerzählung aus externer Perspektive.
- Sie liefern rollenspezifische Passungsinformationen.
- Sie bilden eine fundierte Grundlage für nachgelagerte, strukturierte Referenzgespräche.
In dieser Kombination aus schriftlicher Verdichtung und gezielter Verifizierung entsteht ein belastbares, risikoorientiertes Gesamtbild von Führungsleistung – deutlich über das hinaus, was in formalen Dokumenten abgebildet werden kann.
Referenzen und Referenzgespräche: die vertiefende Perspektive
Referenzen entstehen in der Regel, wenn Zusammenarbeit klar positiv erlebt wurde und ein Absender bereit ist, dieses Erleben bewusst zu bestätigen – telefonisch oder in Form eines Empfehlungsschreibens.
Persönliche Referenzen sind dadurch meist konkreter und kontextnäher als Zeugnisse. Sie richten den Blick auf Fragen wie:
- Welche Verantwortung wurde tatsächlich übernommen?
- Worin bestand der konkrete Beitrag zum Ergebnis?
- Wie wurde die Zusammenarbeit mit Teams, Kunden oder anderen Stakeholdern erlebt?
- Welche Führungsqualität zeigte sich in Priorisierung, Konfliktlösung, Ownership oder Veränderungsfähigkeit?
Gerade im Executive Search entsteht ein wirklich robustes Bild meist erst in der Kombination: Empfehlungsschreiben als Ausgangspunkt, Referenzgespräche als Vertiefung. Professionell geführte Referenzgespräche orientieren sich dabei an klaren Kriterien und fokussieren auf reale Situationen – etwa:
- Wie priorisiert die Person, wenn konkurrierende Ziele gleichzeitig auftreten?
- Trifft sie Entscheidungen eigenständig oder wird frühzeitig eskaliert?
- Wie stabil bleibt die Arbeitsweise unter hoher Belastung oder bei multiplen Stakeholder-Ansprüchen?
Solche Fragen machen Führungswirkung unter realen Bedingungen sichtbar und vertiefen die Evidenz, die im Empfehlungsschreiben angelegt ist. Wie Valdivia diese Phase im Prozess verankert und warum sie für tragfähige Besetzungen zentral ist, erläutern wir ausführlich in der „Valdivia-Intern“-Reihe .
Entscheidend ist dabei weniger die Existenz einer Referenz als ihre Substanz. Aussagekräftig sind Referenzen, wenn sie Kontext, konkrete Beiträge und erlebte Wirkung so beschreiben, dass ein plausibles, konsistentes Bild entsteht.
Am belastbarsten wird dieses Bild, wenn Empfehlungsschreiben und Referenzgespräche zusammenspielen: Das Schreiben verdichtet die Zusammenarbeit in einer verantworteten Einschätzung, das Gespräch vertieft sie entlang konkreter Situationen und Rückfragen. So entsteht ein mehrdimensionales Verständnis von Führungswirkung, Entscheidungsstil und Verhalten unter realen Bedingungen.
Das Arbeitszeugnis: wichtiges Rechtsdokument mit klaren Grenzen
Arbeitszeugnisse sind im deutschsprachigen Raum fester Bestandteil beruflicher Biografien – und rechtlich klar definiert. Beschäftigte haben bei Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses einen gesetzlichen Anspruch auf ein Zeugnis; qualifizierte Zeugnisse müssen Leistung und Verhalten bewerten.¹ § 109 GewO verlangt eine verständliche, nicht „geheimcodierte“ Formulierung.¹
Gleichzeitig bewegt sich jedes Zeugnis im arbeitsrechtlich verankerten Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Wohlwollen.² In der Praxis sind Zeugnisse:
- standardisiert,
- juristisch abgesichert,
- überwiegend positiv formuliert.
Studien und Praxiserfahrung zeigen, dass der Großteil der Zeugnisse auf einem guten bis sehr guten Niveau liegt – die Trennschärfe ist entsprechend gering. Hinzu kommt: Der Prozess der Zeugniserstellung ist in der Praxis oft weit entfernt von einem einseitig durch den Arbeitgeber gesteuerten Verfahren. Viele Arbeitgeber bitten Mitarbeitende ausdrücklich darum, einen ersten Entwurf für ihr Zwischen- oder Endzeugnis zu formulieren, der anschließend geprüft, gegebenenfalls angepasst und unterschrieben wird. In der Praxis berichten HR und Führungskräfte, dass heute ein erheblicher Teil der Zeugnisse auf solchen Entwürfen basiert – in manchen Organisationen nach eigener Einschätzung deutlich mehr als die Hälfte. Das ist rechtlich zulässig, erhöht aber den Standardisierungsgrad weiter und lässt das Zeugnis noch weniger als unabhängige Fremdeinschätzung erscheinen.
Damit wird deutlich: Ein Arbeitszeugnis ist ein verlässliches Rechts- und Biografiedokument, aber kein starkes Instrument zur Einschätzung realer Führungswirkung, von Entscheidungsverhalten oder Leistung unter Druck. Für Governance-Fragen rund um Risiko, Zukunftsfähigkeit und Verantwortung eines Systems reicht es allein nicht aus.
In der Praxis: Evidenzen bewusst gewichten
Für die Praxis geht es nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um eine professionelle Gewichtung unterschiedlicher Evidenzformen. Zeugnisse bleiben im deutschen System notwendige Dokumente – sie sichern Biografien ab und bilden einen formalen Standard.
Gleichzeitig sollten Organisationen unterscheiden zwischen:
Formaler Rahmen
- Arbeitszeugnisse und Vertragsdaten dokumentieren Beschäftigungsverhältnisse und Verantwortungsbereiche.
Fachliche Eignung
- Lebensläufe, Projekt- und Mandatsübersichten, Cases oder Veröffentlichungen zeigen Expertise und Erfahrungstiefe. Fachliche Kompetenz bleibt Grundvoraussetzung – sie wird durch Referenzen nicht ersetzt, sondern qualifiziert.
Wirkungsbezogene Evidenz
- Empfehlungsschreiben und strukturierte Referenzgespräche machen sichtbar, wie jemand führt, entscheidet und Verantwortung übernimmt.
Für Auswahl- und Entwicklungsentscheidungen ergibt sich daraus eine pragmatische Einordnung:
- Empfehlungsschreiben liefern den aussagekräftigsten schriftlichen Nachweis realer Führungswirkung.
- Referenzgespräche vertiefen diese Einschätzung entlang konkreter Situationen und Fragestellungen und können blinde Flecken reduzieren.⁴
- Zeugnisse bieten den formalen, rechtlich abgesicherten Rahmen einer Tätigkeit.¹²
Gerade bei Schlüsselrollen empfiehlt es sich, Referenzen nicht nur „einzuholen“, sondern strukturiert zu führen – idealerweise entlang weniger, aber entscheidungsrelevanter Dimensionen wie Priorisierung, Entscheidungsstil, Umgang mit Druck, Umgang mit Fehlern und Stakeholder-Komplexität. Die Bedeutung dieser Evidenzschicht in der finalen Auswahl beleuchten wir auch im fünften Teil unserer Serie „Valdivia Intern“ zum Executive-Search-Prozess.
Governance-Perspektive: Entscheidungen über Menschen sind Systementscheidungen
Die bewusste Gewichtung von Evidenzen ist letztlich eine Governance-Frage: Entscheidungen über Menschen sind immer auch Entscheidungen über Risiko‑, Zukunfts- und Verantwortungsfähigkeit eines Systems.
Wer Führungsrollen besetzt, entscheidet nicht nur über eine Person, sondern über:
- die Qualität künftiger Entscheidungen,
- die Stabilität in Krisen,
- die Kultur im Umgang mit Erfolg und Misserfolg,
- die Fähigkeit, komplexe Stakeholder-Interessen auszubalancieren.
Behandeln Sie Zeugnisse daher mit dem Respekt, den ein Rechtsdokument verdient – aber stützen Sie Ihre Beurteilung von Führung und Leistung primär auf persönliche Empfehlungsschreiben, qualifizierte Referenzen und klar sichtbare fachliche Eignung.
Denn Führung zeigt sich nicht im juristischen Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Wohlwollen, sondern in erlebter Wirksamkeit unter realen Bedingungen.
Quellen (Auswahl)
- Gewerbeordnung § 109 – rechtlicher Anspruch und formale Anforderungen an Arbeitszeugnisse: https://www.gesetze-im-internet.de/gewo/__109.html
- Bundesarbeitsgericht (BAG) – Grundlogik von Zeugnissen zwischen Wahrheit und Wohlwollen (Benotungsmaßstab): https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/9‑azr-584–13/
- Haufe – Zeugnissprache, Standardformulierungen und Einordnung der Aussagekraft:
https://www.haufe.de/hr/magazin/zeugnissprache-hintergrund-formulierungen-noten-geheimcodes
- Indeed Karriere-Guide – Referenzschreiben/Referenzen: Definition, Freiwilligkeit, Abgrenzung zum Zeugnis: https://de.indeed.com/karriere-guide/bewerbung/referenzschreiben
- Wirtschaftswissen – Referenz- und Empfehlungsschreiben in der Personalarbeit, typische Inhalte und Nutzen: https://www.wirtschaftswissen.de/personalmanagement/personalentwicklung/personalbeurteilung/referenz-und-empfehlungsschreiben-tipps-und-muster/
- https://www.hrm.de/personalexperten-arbeitszeugnisse-haeufig-geschoent-oder-sogar-selbst-verfasst/
(Bildquelle: istockphotos)