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Wie Führungsgremien
von den Stärken
stiller Anführer profitieren

20.10.2026
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Entschei­dende Gedanken werden in Führungs­gremien nicht immer von den Lautesten geäußert. Auch zurück­hal­tende Mitglieder können wertvolle Einwände und differen­zierte Perspek­tiv­en beitra­gen. Doch wie gelingt es Vorstän­den und Führung­steams, diesen Stim­men Gehör zu verschaf­fen? Und wie kann verhin­dert werden, dass wichtige Impulse unge­hört bleiben, nur weil sie nicht mit Nach­druck vorge­tra­gen werden?

In unser­er Valdivia Lead­er­ship Impulse Reihe widmen wir uns dies­mal einem Persön­lichkeit­styp, dessen Stärken in der Führung häufig unter­schätzt werden: die intro­vertierte Führungskraft. Sie überzeugt weniger durch Präsenz und Selb­st­darstel­lung als durch strate­gis­che Klarheit, sorgfältige Analyse und langfristiges Denken.

Die Entdeck­ung der stillen Kraft

Das Verständ­nis, welche Fähigkeit­en für eine Führungskraft angemessen sind und Erfolg bedeuten, hat sich im 21. Jahrhun­dert stark gewan­delt. Teils wird heute ein deut­licheres öffentlich­es Profil erwartet, teils werden neben Erfahrung und Qual­i­fika­tion auch soziale und emotionale Kompe­ten­zen immer wichtiger1. Im Zuge dieser Entwick­lung unter­sucht der Harvard-Profes­sor Joseph L. Badarac­co in seinem Werk „Lead­ing Quiet­ly – An Unortho­dox Guide to Doing the Right Thing” die Merk­male stiller bzw. intro­vertiert­er Führungskräfte und ihre Bedeu­tung für Unternehmen2.

Nach Badarac­co wirken stille Führungskräfte meist beschei­den und zurück­hal­tend; sie sind das Gegen­bild typis­ch­er Leit­fig­uren, die jederzeit Dinge offen ansprechen, „klare Kante“ zeigen und andere damit mitreißen. Eine beson­dere Stärke der stillen Anführer:innen ist häufig, schwierige Prob­leme durch Behar­rlichkeit zu lösen. Prob­lema­tisch kann ihre Haltung werden, wenn sie berechtigte Einwände oder alter­na­tive Vorschläge zu einem Thema haben, jedoch lieber schweigen, als sich gegen eine Mehrheitsmei­n­ung zu stellen.

Eine kleine Gruppe mit wertvollen Eigenschaften

Es über­rascht nicht, dass intro­vertierte Persön­lichkeit­en in Chefe­ta­gen meist die Minder­heit bilden: Im allge­meinen sind Führungskräfte extro­vertiert und kommu­nika­tions­freudig3,4. Viele Typstu­di­en erfassen Intro­ver­sion allerd­ings nur indi­rekt, so z. B. eine US-Studie von 20165, die sechs Führungstypen iden­ti­fiziert, jedoch nur den gewis­senhaften, aus dem Hinter­grund führen­den Typ (Anteil 3,6 %) als eindeutig intro­vertiert erken­nen lässt.

Genauer lässt sich der Anteil von Intro­ver­sion in Führungs­gremien mit dem Instru­ment der Myers-Brig­gs-Typolo­gie bestim­men. So nennt eine Studie von 20246 für intro­vertierte Typen unter Führungskräften und CEOs (erster bzw. zweit­er Wert) folgende Anteile:

  • ISTJ „Inspec­tor“ (Intro­ver­sion, Sens­ing, Think­ing, Judg­ing) 19 bzw. 13 %
  • INTJ „Master­mind“ (Intro­ver­sion, Intu­ition, Think­ing, Judg­ing) 9 / 10 %
  • INTP „Archi­tect“ (Intro­ver­sion, Intu­ition, Think­ing, Perceiv­ing) jeweils 5 %
  • ISFJ „Protec­tor“ (Intro­ver­sion, Sens­ing, Feel­ing, Judg­ing) 5 / 3 %

mit den übri­gen I‑Typen durch­weg unter 5 %. Einer­seits bestätigt dies das Bild einer zahlen­mäßig kleinen Gruppe. Ander­er­seits kann es die extro­vertierte Mehrheit auch daran erin­nern, diese wertvollen Kräfte in ihren Reihen bewusst wahrzunehmen und in Diskus­sio­nen aktiv einzubeziehen.

Netzw­erke als Rückhalt

Entscheider:innen in der Wirtschaft stehen oft unter hohem Druck. Sie brauchen Selb­stver­trauen, um schwierige Themen anzuge­hen, bei Bedarf rasch und entsch­ieden zu reagieren oder ihre Mitar­bei­t­en­den mit dem nöti­gen Nach­druck zu führen. Badarac­co hat erkan­nt, dass dies im Wider­spruch zu Zurück­hal­tung und Beschei­den­heit der stillen Anführer:innen steht. Er empfiehlt ihnen daher, sich im Unternehmen wie im privat­en Umfeld gezielt ein Netzw­erk aufzubauen, das durch tätige Hilfe oder emotionalen Beis­tand Unter­stützung bietet.

Eine insti­tu­tionelle Vari­ante dazu kann auch ein offizieller Beirat sein, der nicht nur fach­liche, sondern auch persön­liche Unter­stützung bietet – eine Insti­tu­tion, der wir bei Valdivia bere­its viele wertvolle Impulse verdanken.

Badarac­co spricht außer­dem zwei intrin­sis­che Punk­te an, die eine stille Führungsper­sön­lichkeit behin­dern können. Zum einen ist dies die Gefahr, sich beim Nach­denken und Abwä­gen von Alter­na­tiv­en ohne Fortschritt im Kreis zu bewe­gen. Zum anderen gibt es Prob­leme, die zu schwierig sind, um von einer einzel­nen Person durch reine Behar­rlichkeit gelöst zu werden. Auch in diesen Fällen kann ein Unter­stützungsnet­zw­erk helfen, jedoch nur, wenn das eigene Handeln reflek­tiert wird und Betrof­fe­nen sich ihre Gren­zen selb­st eingestehen.

Der Sitzungsraum als sicher­er Ort

Auch Vorstände und andere, hochrangige Führungs­gremien sind Teams, die unter Umstän­den prob­lema­tis­che Grup­pen­dy­namiken entwick­eln1. So entste­hen leicht einge­fahrene Muster, denen sich alle unter­w­er­fen und lieber dem allge­meinen Konsens zustim­men, als eigene Beiträge und Lösun­gen einzubrin­gen. Solche Mech­a­nis­men wirken sich umso stärk­er auf Mitglieder aus, die aufgrund einer intro­vertierten Persön­lichkeit ohne­hin lieber im Hinter­grund bleiben.

Um dies zu vermei­den und die kollek­tive Intel­li­genz aller Führungskräfte zum Tragen zu brin­gen, ist zunächst eine Atmo­sphäre der Akzep­tanz und Wertschätzung inner­halb des Führung­steams notwendig. Die Gruppe sollte bewusst eigene, kreative, nicht konforme Ideen begrüßen und Mech­a­nis­men entwick­eln, die die Beteili­gung der ruhigeren Mitglieder sich­er­stellen. In sein­er Studie „Psycho­log­i­cal Safe­ty in The Board­room“7 beschreibt Biland Sadek ein fünf­stu­figes Verfahren, mit dem psychol­o­gis­che Sicher­heit system­a­tisch aufge­baut, über­prüft und kontinuier­lich weit­er­en­twick­elt werden kann:

  • Formulieren klar­er Leitlin­ien wie z. B. Verhal­tens­grund­sätze und Regelun­gen zum Whistleblowing.
  • Beschreiben von Zielen wie das angestrebte Klima eines psychol­o­gisch sicheren Umfelds.
  • Bewerten der Ist-Situ­a­tion in Hinsicht auf die in 2) fest­gelegten Ziele.
  • Je nach Ergeb­nis von 3) gezielte Verbesserungs­maß­nah­men einleit­en, z. B. durch Schu­lun­gen, Fall­stu­di­en, Simu­la­tion­sübun­gen oder den Einsatz extern­er Coaches.
  • Fortschritte und Hindernisse regelmäßig – möglichst durch eine unab­hängige Person – erfassen und die Ergeb­nisse in den näch­sten Verbesserungszyk­lus einfließen lassen.

Die Rolle des Vorsitzenden

Eine wichtige Rolle bei der Einbindung stiller Führungskräfte und Berück­sich­ti­gung ihrer Beiträge nimmt der oder die Vorsitzende des jeweili­gen Gremi­ums ein. Diese Person muss nicht iden­tisch sein mit dem CEO: Die bere­its erwäh­nte PwC-Studie1 zeigt, „dass Mitglieder eher Schwierigkeit­en haben, eine abwe­ichende Mein­ung zu äußern, wenn Vorsitz und CEO-Rolle in einer Person vere­int sind. Eine unab­hängige Vorsitz­funk­tion kann dem CEO ermöglichen, sich auf diese Rolle zu konzen­tri­eren, und könnte dazu beitra­gen, natür­liche Span­nun­gen abzubauen.“ Gleichzeit­ig kann sich der oder die Vorsitzende darauf konzen­tri­eren, Diskus­sio­nen zu moderieren, abwe­ichende Mein­un­gen zu erfra­gen, allen zuzuhören und schließlich – wenn möglich – einen Konsens anzustreben.

Ergänzend dazu empfehlen die Autor:innen der Studie, ca. alle drei Jahre ein Assess­ment zu veranstal­ten. Denn „indi­vidu­elle Bewer­tun­gen liefern Infor­ma­tio­nen darüber, welchen Beitrag jedes Mitglied leis­tet und welchen Mehrw­ert es in das Gremi­um einbringt. Diese Erken­nt­nisse über­wiegen die Befürch­tun­gen möglich­er nega­tiv­er Auswirkun­gen auf das kolle­giale Miteinan­der.“ Sinnvoll sei dazu eine externe Moder­a­tion, die eine unab­hängige Außen­sicht einbrin­gen könne.

Fazit

Die Qual­ität eines Führungs­gremi­ums zeigt sich nicht daran, wie viele reden, sondern ob alle rele­van­ten Perspek­tiv­en gehört werden. So beobacht­en wir bei der Beset­zung von Führungs- und Beirat­spo­si­tio­nen immer wieder, dass nach­haltiger Erfolg selten aus der Kombi­na­tion einan­der ähnlich­er Persön­lichkeit­en entste­ht. Entschei­dend ist vielmehr die Fähigkeit eines Gremi­ums, unter­schiedliche Führungsstile und Denkweisen produk­tiv miteinan­der zu verbinden.

Ruhige, intro­vertierte Führungsper­sön­lichkeit­en sind damit für ihre Unternehmen ein wichtiger Faktor für Resilienz und Erfolg. Sie arbeit­en mit Geduld, Prag­ma­tismus und langfristigem Denken. Damit stehen sie für eine zeit­gemäße Vorstands- und Führungskul­tur, die sich weder durch laut­starke Perfor­mance noch durch einge­fahrene Konfor­mität ausze­ich­net, sondern reflek­tiert und diszi­plin­iert arbeit­et, aber auch Mein­ungsver­schieden­heit­en zulassen kann.

Um solche Persön­lichkeit­en zu fördern, einzu­binden und von ihren Stärken zu prof­i­tieren, soll­ten die Tref­fen und Sitzun­gen des Führungs­gremi­ums von Akzep­tanz und Wertschätzung geprägt sein. Unter­stützt wird eine solche Führungskul­tur durch eine moderierende Sitzungsleitung sowie Mech­a­nis­men, die psychol­o­gis­che Sicher­heit bieten. Nicht selten tragen gerade die leisen Stim­men dazu bei, Risiken früher zu erken­nen und tragfähigere Entschei­dun­gen zu treffen.

Quellen

  1. Maria Castañón Moats, Paul DeNi­co­la, Catie Hall: „Why good boards make bad deci­sions“, Price­wa­ter­house­C­oop­ers LLP, Febru­ar 2024
  2. Joseph L. Badarac­co: „Lead­ing Quiet­ly – An Unortho­dox Guide to Doing the Right Thing”, Harvard Busi­ness School (HBS) Press, 2002
  3. Sarah Hilário-Bohm: „Der Zusam­men­hang von Persön­lichkeit und Führung – Einfluss von Intro­ver­sion auf das Führungsver­hal­ten”, Bach­e­lor-Thesis zur Erlan­gung des Grades Bach­e­lor of Arts (B.A.) an der Europäis­chen Fern­hochschule Hamburg, August 2021
  4. „Was erfol­gre­iche Führungskräfte gemein­sam haben”, Haufe News, Mai 2017
  5. Alis­sa D. Parr, Stephanie T. Lanza, Paul Bern­thal: „Person­al­i­ty Profiles of Effec­tive Lead­er­ship Perfor­mance in Assess­ment Centers”, Hum Perform (PubMed Central) / Univer­si­ty of Minneso­ta, April 2016
  6. Gordon E Kenney: „Myers-Brig­gs Types Among Gener­al and Leader Popu­la­tions”, Cowart Consult­ing Group (CCG) Tech­ni­cal Reports, 2024
  7. Biland Sadek: „Psycho­log­i­cal Safe­ty in The Board­room“, Jour­nal of Human­i­ties and Social Science Research, Febru­ar 2024

(Bildquelle: istockphotos.com)

 

 

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