Wie können Unternehmen auf die heutigen, dynamischen Veränderungen in Märkten und Technologien angemessen reagieren?
Als Antwort auf diese Frage hat der McKinsey-Berater und New-Work-Vordenker Fédéric Laloux 2014 eine Evolutionstheorie der Organisationsformen entwickelt. Sie mündet in eine radikal wirkende Abkehr von der hierarchischen Führungspyramide – hin zu einem sich weitgehend selbst verwaltenden Teamnetzwerk. Mit seinem Modell einer „Teal Organization“(TO), der türkisen Organisation1, setzen wir im Rahmen der Valdivia Leadership Impulse unsere Reihe zu unkonventionellen, innovativen Führungskonzepten fort.
Laloux’ Farbenlehre: Evolution zur Eigenverantwortung
Laloux geht in seiner Theorie2 davon aus, dass menschliche Organisationsformen sich evolutionär entwickelt haben. Die Hauptstufen markiert er mit Farben. „Bernstein“ kennzeichnet z. B. strikt regelbasierte Organisationen, wie sie für die Industrie des 19. und 20. Jahrhunderts typisch sind. Für viele Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft dürfte die heutige Organisationsform am ehesten der von Laloux beschriebenen Stufe „Orange“ entsprechen: Organisationen sind flexibel, jedoch immer noch hierarchisch und stark an Effizienz und Ergebnissen orientiert.
Auf Stufe „Grün“ schließlich ergänzen Unternehmenskultur, Purpose sowie ökologische und soziale Verantwortung den ökonomischen Zweck. Die Mitarbeitenden erfahren eine graduelle Ermächtigung, während Führungskräfte von Machern zu Unterstützenden werden. Ein Modell grüner Organisation haben wir kürzlich mit der Invisible Leadership vorgestellt.
Die Stufe „Türkis“: selbstorganisierte Beweglichkeit
Heute nun zeichnet sich für Laloux eine weitere Entwicklungsstufe ab, deren Ansätze er auch in einigen Unternehmen bereits realisiert sieht: Die türkise Organisation versteht er als lebendiges System, das sich ohne zentrale Steuerung ständig an veränderte Bedingungen anpasst und weiterentwickelt. Er sieht darin jedoch keinen singulären Bauplan mit fertigem Organigramm, sondern einen Werkzeugkoffer von Ideen und Umsetzungsinstrumenten.
Im Kern von „Türkis“ steht eine weitgehende Selbstorganisation. Entscheidungsbefugnisse werden an die Mitarbeitenden übertragen, was Engagement, Eigenverantwortung und persönliche Entwicklung fördern soll3:
- Ein zentraler Ausgangspunkt ist die Befähigung der Mitarbeitenden, ein Bewusstsein für die Bedeutung der eigenen Rolle zu entwickeln. Vor allem sollen sie erkennen, dass sie Entscheidungen aktiv beeinflussen können.
- Wechselseitige Verpflichtungen unter Kolleg:innen ersetzen das Verhältnis zu Vorgesetzten. Das Fundament der Zusammenarbeit ist dabei Vertrauen. Eine wichtige Voraussetzung, die Laloux dafür nennt, ist die Fähigkeit, das eigene Ego distanziert zu betrachten und sich in der täglichen Zusammenarbeit nicht davon bestimmen zu lassen.
- Die Arbeit wird von dezentralen, eigenverantwortlichen Teams oder Netzwerken ausgeführt. Die hierarchische Struktur von Zuständigkeiten und Erlaubnissen weicht fließenden, natürlichen Beziehungen, in denen die Personen mit der meisten Expertise und dem stärksten Interesse jeweils richtunggebend wirken. Befreit von der Starrheit und Trägheit typischer Konstellationen aus Anweisung und Kontrolle gewinnen türkise Organisationen für Laloux an Reaktionsgeschwindigkeit und Motivation.
- Wichtiges Element der TO ist ein allgemeines Regelwerk, das den Teams hilft, auf Kurs zu bleiben, ihr Handeln abzustimmen und Konflikte zu klären.
Situative Autorität ersetzt die klassische Führung
Die türkise Organisation ist vor allem frei von Hierarchien, die durch die gefestigte Macht oder Position Einzelner bestimmt werden. Jede Person, die ein Problem oder eine Chance wahrnimmt, kann einen Entscheidungsprozess anstoßen und dabei auch die kollektive Intelligenz der Organisation zurate ziehen. Dennoch können sich in der TO auf Basis von Erfahrung, Kompetenz und Anerkennung zeitweise stabile Strukturen bilden, und auch den „Vorgesetzten“ fallen wichtige Aufgaben zu:
- Teamleitung: flexibel und situationsbezogen
Je nach Team und Aufgabe treten diejenigen Kolleg:innen in den Vordergrund, die mehr Expertise und Leidenschaft einbringen und denen die übrigen Teammitglieder das nötige Vertrauen als Entscheider:innen entgegenbringen.
- Management: Coaching und Counselling
Ein Merkmal der TO ist das Fehlen einer mittleren Führungsebene. Statt dessen nehmen besonders erfahrene und qualifizierte Kolleg:innen eine wichtige Rolle ein. Sie unterstützen die Teams bei Bedarf als Coach für das Funktionieren des Teams, zur Koordination mit anderen Teams oder, um spezielle Fachkenntnisse einzubringen.
- C‑Suite: Rahmen setzen, Kultur fördern
Auch für die oberste Führungsebene bedeutet die TO eine deutliche Veränderung der Rollenbilder4: Die Funktionen hierarchischer Steuerung und Entscheidung entfallen weitgehend. Dafür wird es ihre Aufgabe,
- Purpose, Kultur und Zusammenhalt der Organisation zu schützen und zu fördern,
- die Rahmenbedingungen für die Selbstorganisation zu schaffen und Entscheidungen an die Teams zu delegieren,
- die allgemeine Entwicklung, Lernprozesse und Konfliktklärungen zu unterstützen.
Teamarbeit in der TO
In der TO arbeiten die einzelnen Teams im Prinzip autonom, ähnlich einer Business Unit und führen alle Projektaufgaben selbst vollständig aus. Dies vermittelt den Mitgliedern ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und ist damit auch ein starker Motivationsfaktor. Methodische Arbeitsgrundlage sind Regelwerke, auch Manifeste genannt, die z.B. Entscheidungsprozesse beschreiben. Diese Regeln geben den Mitarbeitenden Orientierung und stärken den Zusammenhalt. Sie dienen auch der Lösung von Konflikten; hierfür ist meist zusätzlich eine externe Moderation vorgesehen.
Neben Fach- und Front-End-Teams sind in der TO auch Teams mit rein unterstützender Funktion vorgesehen. Solche Teams können z. B. für Personal- oder Office-Management zuständig sein – Aufgaben, für die es unökonomisch wäre, sie in jedem Team einzeln anzusiedeln.
Könnte Ihr Unternehmen „Türkis“ werden?
Entscheidend für den Wechsel zum Teal-Modell sollte immer die Frage sein, ob ein Unternehmen und seine Aufgaben tatsächlich von einer verteilten Verantwortung profitieren5:
- Stärken und Vorteile
TO verbindet eine innovative Form der Zusammenarbeit mit dem Anspruch auf messbare Verbesserungen der Unternehmensleistung. Durch selbstorganisierte Teams lassen sich Verwaltungsaufwand und Fluktuation reduzieren, während Entscheidungen näher am Kunden und damit oft schneller getroffen werden. Ferner fördert TO eine Kultur, in der Konflikte frühzeitig sichtbar und durch definierte Prozesse gelöst werden können.
Langfristig positiv wirkt das TO-Modell, da es wirtschaftlichen Erfolg, Unternehmenszweck und die Interessen von Stakeholdern stärker miteinander verbindet. So werden Unternehmen beweglicher, resilienter und nachhaltiger.
- Hindernisse und Grenzen
Teal-Organisationen gelten nicht als universelles Erfolgsmodell. In der Praxis scheitern Einführungen häufig an unklaren Verantwortlichkeiten oder, wenn Hierarchien abgebaut werden, ohne ausgleichende Mechanismen für Koordination, Priorisierung und Konfliktlösung zu schaffen. Ebenso setzt das Modell Mitarbeitende voraus, die eigenständig handeln und auch mit Unsicherheiten umgehen und Entscheidungen treffen können.
Teal-Strukturen stoßen außerdem an Grenzen, wo rechtliche Vorgaben oder Sicherheitsanforderungen klar definierte Verantwortlichkeiten verlangen.
Studien über Erfolg und Verbreitung der TO gibt es bisher kaum. Eine häufiger erwähnte3 weist jedoch darauf hin, dass Teal-Prinzipien vor allem punktuell oder in Teilbereichen eingesetzt werden, wo Agilität, dezentrale Entscheidungen und Kulturwandel ohnehin auf der Agenda stehen.
Fazit
Die Teal-Organisation ist ein Konzept für Unternehmen, die die rapiden Veränderungen ihres Umfeldes mit raschen Anpassungen auf Basis einer resilienten Struktur beantworten wollen. Hauptmerkmal der TO sind sich selbst verwaltende Teams aus Mitarbeitenden, denen ihre Rolle und Verantwortung als Mitentscheidende in der Organisation bewusst ist, während erfahrenere Kolleg:innen nicht als Vorgesetzte, sondern als Coach oder Koordinator:in wirken.
Dabei sollte TO nicht als Idealmodell für jedes Unternehmen und alle Bereiche verstanden werden. Speziell für Entscheider in der Bau- und Immobilienwirtschaft empfiehlt sich eine differenzierte Einordnung: In welchen Bereichen können Agilität und Eigenverantwortung den Erfolg Ihres Unternehmens effektiv verbessern, und wo bleiben klare Verantwortlichkeiten unverzichtbar? So könnten etwa Projektentwicklung, Innovation oder kundennahe Bereiche wie Services von einer stärkeren Dezentralisierung profitieren, während Governance, Regulierung und Risikomanagement weiterhin klare Verantwortlichkeiten erfordern.
Quellen
- Die englische Farbbezeichnung „teal“ (Web-Farbcode #008080) beschreibt ein dunkles, eher ins Grüne spielende Türkis, das gelegentlich auch als Petrol bezeichnet wird.
- Frédéric Laloux: „Reinventing Organizations: A Guide to Creating Organizations Inspired by the Next Stage of Human Consciousness“, Februar 2014 – auf deutsch „Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“ (liegt u.a. bei Google Books als Online-Ausgabe vor)
- Agnieszka Rzepka: „Teal Organizations in Times of Industry 4.0“, European Research Studies Journal, Volume XXIV, Special Issue 2, 2021
- „Teal Organizations als New-Work-Ideal“, Haufe, August 2020
- „Teal-Organisation“, Mooncamp Glossar (Strategieplattform Mooncamp), Juni 2026
(Bildquelle: istockphotos.com)