Woran können Entscheider:innen sich heute orientieren, wenn sie vor der Aufgabe stehen, ihr Unternehmen ins KI-Zeitalter zu führen?
KI & Leadership: Auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft ist Künstliche Intelligenz längst angekommen – Wettbewerbsfaktor und Werkzeug ebenso wie als Bestandteil smarter Gebäude und Quartiere. Gleichzeitig stellt sie Führungskräfte wie Mitarbeitende vor eine völlig neue Situation. Denn hochentwickelte KI-Agenten fühlen sich im operativen Bereich kaum anders an als menschliche Kolleg:innen. Mit diesem Leadership Impulse stellen wir Ihnen zentrale Erkenntnisse und Handlungsansätze vor, wie Unternehmen KI erfolgreich einführen können, ohne die berechtigten Interessen der Menschen aus den Augen zu verlieren.
Bekannte und verdeckte Herausforderungen
Der Einsatz von KI stellt Führungskräfte vor eine Reihe von Herausforderungen. Einige davon sind bekannt – wie die Entwicklungsgeschwindigkeit der Technologie und die fragliche Verlässlichkeit der Ergebnisse. Hinzu kommen fehlende Spezialist:innen bzw. Kenntnisse in den Unternehmen sowie Ängste vor Jobverlust bei Mitarbeitenden. Doch auch weniger offensichtliche Faktoren sollten Führungskräfte adressieren, um eine effiziente KI-Nutzung im Unternehmen zu erreichen:
- Überschätzte Fähigkeiten
Laut einer Studie von Skillsoft1 sind Führungskräfte oft kaum darüber informiert, welche KI-Kompetenzen in ihren Teams tatsächlich vorhanden sind. Nur 18 Prozent der befragten Unternehmen erfragen solche Kenntnisse systematisch. Allerdings neigen Mitarbeitende bei diesem Thema oft zur Selbstüberschätzung. Dies kann dazu führen, dass Unternehmen in ambitionierte KI-Projekte investieren und dann auf halbem Weg feststellen, dass die eigenen Fähigkeiten doch nicht für die Umsetzung reichen.
- Schatten-KI
Eine effiziente KI-Einführung kann auch durch sogenannte Schatten-KI gebremst werden. Darunter versteht man die Nutzung von KI-Tools wie ChatGPT oder Gemini ohne offizielle Freigabe oder Steuerung durch das Unternehmen, oft über private Accounts und Geräte. Laut einer bitkom-Studie2 gehen in Deutschland rund 40% der Unternehmen davon aus, dass Mitarbeitende Schatten-KI nutzen – mit steigender Tendenz. Damit entstehen nicht nur Sicherheitsrisiken. „Bewährte“ Schattenlösungen können auch die Bereitschaft senken, zu genehmigten, aber neuen, ungewohnten KI-Systemen zu wechseln.
Führung hybrider Teams aus Mensch und KI
Agentische KI handelt heute selbstständig, nutzt Werkzeuge und interagiert mit anderen Systemen. Damit stehen Führungskräfte vor der Aufgabe, neben Menschen auch KI-Agenten sinnvoll einzusetzen und zu leiten. Eine Studie von Deloitte3 hat einige Voraussetzungen dazu ermittelt:
- Datenkompetenz
Datenkompetenz ist ein gutes Beispiel für polymathische Führung. Sie bezeichnet die Fähigkeit, Daten zu verstehen und zu nutzen, „um Probleme zu erkennen, datengestützte Lösungen zu finden und Prognosen für die Zukunft zu erstellen.“
- Kritisches Denken
Die schnellen, gut formulierten Antworten einer KI können leicht dazu führen, im eigenen kritischen Denken nachzulassen. Nötig ist daher die Fähigkeit und Bereitschaft, Antworten „zu hinterfragen, Voreingenommenheit zu erkennen“ und auch schlüssig wirkende Entscheidungen einer KI kritisch zu prüfen.
- Selbstwirksamkeit
Angesichts der immer leistungsfähigeren KI-Systeme ist es wichtig, sich das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu erhalten. Führungskräfte können dazu im Unternehmen als Vorbilder vorangehen, „Beispiele für den Einsatz von KI liefern und ihre eigenen Lernprozesse im Umgang mit dieser Technologie teilen.“ Die Mitarbeitenden sollten Gelegenheit erhalten, „konkrete Erfahrungen mit KI zu sammeln“ und so durch positive Erfahrungen ihre Selbstwirksamkeit zu steigern.
- Digitale Ethik
Ethische Fragen der KI-Nutzung wie etwa das Vermeiden von Vorurteilen oder die Beachtung des Urheberrechts zu berücksichtigen, bezeichnet die Studie als eine „Schlüsselkompetenz für Führungskräfte“. Dazu zählt „nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis der digitalen ethischen Implikationen und Auswirkungen.“
KI-Nutzung erfolgreich gestalten
In der neuesten „Global Human Capital Trends“ Studie4 beschreibt Deloitte, wie Unternehmen den Herausforderungen durch KI begegnen und sie zu ihrem Vorteil nutzen können. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass mit der Entwicklung der KI heute drei entscheidende Wendepunkte erreicht sind:
- Aus „Mensch plus Maschine“ wird „Mensch mal Maschine“. Der Mehrwert entsteht, indem Organisation und Prozesse konsequent auf die Zusammenarbeit mit KI ausgerichtet werden.
- Einsparungen aus einer effizienten KI-Integration sollten kontinuierlich in die eigenen Fähigkeiten reinvestiert werden, um mit der Entwicklung der Technologie Schritt zu halten.
- Agiles, dynamisches Lernen und Arbeiten lösen festgeschriebene Pläne und Abläufe ab.
Dazu hat die Studie sieben Faktoren identifiziert, die das Arbeiten mit KI erfolgreich machen:
- Integriertes Arbeiten „Mensch mal Maschine“
Wo KI lediglich in bestehende Abläufe eingefügt wird, ist ihr Nutzen gering. Der Mehrwert der KI wird am größten, wenn Prozesse, Instrumente und Rollen konsequent auf diese Arbeitsweise ausgerichtet sind – mit ausreichendem Training, klaren Regeln und einer engagierten Unternehmensführung.
- Datenqualität und kontrollierte Prozesse
Unternehmen brauchen Prozesse und Kontrollen, die ungenaue und falsche Ergebnisse der KI verhindern beziehungsweise ausfiltern. Dies kann zum Beispiel durch eine genaue Prüfung der Ausgangsdaten, eine Protokollierung der Entscheidungsschritte sowie durch Risikoprüfungen und Stresstests geschehen.
- Regeln für die Verantwortung von Mensch und Maschine
KI ermöglicht schnellere und fundiertere Entscheidungen, doch die Verantwortung bleibt beim Menschen. Führungskräfte sollten daher stets in der Lage sein, die Denkprozesse einer KI zu beurteilen und sie als digitale „Mitarbeitende“ zu lenken.
- Eine verbindliche Unternehmenskultur
Neben der Ausrichtung auf „Mensch mal Maschine“ sollte auch das Miteinander der Menschen bedacht werden: Wie gehen wir zum Beispiel mit Fehlern um, die auf dem Handeln von KI beruhen? Benötigt werden verbindliche Regeln, die die Umgangskultur im Unternehmen absichern.
- Anpassung als permanenter Zustand
Auf der operativen Ebene ist mit KI Vieles praktisch sofort verfügbar, was früher Wochen brauchte. Wettbewerbsvorteile entstehen daraus, wenn Unternehmen dazu agile Fähigkeiten und Strukturen schaffen, ohne ihre Ziele und Grundsätze aus den Augen zu verlieren.
- Flexible Rollen für eine agile Organisation
Klassische Funktionen in Unternehmen sind auf gleichbleibende Rollen ausgelegt. Manche wie z. B. das Controlling bleiben auch bestehen. Viele Bereiche erfordern jedoch in Zukunft einen flexibleren Zuschnitt. Beispiele sind die strategische Planung, die Projektentwicklung oder der Einsatz von KI selbst. Mit dem Chief Talent Transformation Officer (CTTO) haben wir kürzlich eine solche Rolle im Valdivia Newsroom vorgestellt.
- Ständiges Lernen
Anregungen und Hilfsmittel zum ständigen Lernen befähigen die Mitarbeitenden, sich in der KI-integrierten Arbeitswelt zurechtzufinden. Dazu gehören u.a. Labors zur Erprobung neuer Ideen und Anwendungen, ein Peer-to-Peer-Lernen im Team, Lern- und Coaching-KIs sowie Projekte, die Arbeiten und Lernen miteinander verbinden.
Fazit: Warum der Mensch den Unterschied macht
Im Abschlusskapitel umreißt die Studie, welche Folgerungen sich besonders für Entscheider:innen aus den beobachteten Faktoren ergeben:
- Für die Arbeit mit KI brauchen Unternehmen durchdachte Prozesse, die Mensch und Maschine mit ihren jeweils besten Fähigkeiten einbeziehen. So entsteht echter Mehrwert, Innovationen werden gefördert und zugleich bleibt der Wert menschlicher Fähigkeiten am Arbeitsplatz erhalten.
- Der Einsatz von KI erfordert ein kompetentes Daten-Regime, das auf Transparenz und Genauigkeit setzt. Dies stärkt das Vertrauen in menschliche wie digitale Entscheidungen.
- Unter einer kompetenten, ethisch verantwortungsvollen Führung erweitert KI die menschlichen Fähigkeiten. Ihre Geschwindigkeit hilft bei Entscheidungen, ohne die menschliche Handlungsfähigkeit aufzuheben. Daher sollte die KI auch immer an die Kultur des Unternehmens gebunden sein. So kann sie Verbundenheit und Inklusion fördern und das soziale Gefüge der Organisation stärken.
- Wo Sinnhaftigkeit, Vertrauen und menschliche Stärken in die Arbeit mit der KI integriert sind, stärkt dies die Resilienz im Unternehmen und Erfolge kommen allen zugute.
- Eine kontinuierliche Fortbildung ermöglicht es Fachkräften, neue Chancen zu erschließen und gleichzeitig relevante Wissensträger zu bleiben. So bleibt der Fortschritt erkennbar mit dem Vertrauen in ihre Fähigkeiten verbunden. Auf dieser Basis entstehen kreativere, belastbarere Teams, die mit der Technologie wachsen statt von ihr verdrängt zu werden.
Die zentrale Erkenntnis der Deloitte-Studie: Technologie allein reicht nicht, um sich als Unternehmen zu differenzieren und im Wettbewerb zu bestehen. Den Unterschied macht der Mensch – durch Kreativität, Urteilsvermögen und Empathie.
Quellen
- „2025 Global Skills Intelligence Survey“, SkillSoft, September 2025
- „Beschäftigte nutzen vermehrt Schatten-KI“, Bitkom Research, Oktober 2025
- „From Reaction to Action: Leading in the Age of GenAI“, Deloitte, Mai 2024
- „2026 Global Human Capital Trends: From tension to tipping points – choosing the human advantage“, Deloitte Insights, März 2026
(Bildquelle: istockphotos.com)