Wie können prekäre Innenstadtlagen wieder an Wert und Vermarktbarkeit gewinnen?
Nach Lösungen für Assetklassen wie Büros, Hotels und Rechenzentren stellen wir diesmal im Valdivia Newsroom Denkansätze vor, um dem Besucherrückgang und Wertverlust innerstädtischer Gewerbeimmobilien zu begegnen. Eigentümer und Entwickler werden diese Aufgabe in der Regel zwar nicht isoliert bewältigen können; gemeinsames Handeln mit Kommunen und Verbänden ist notwendig. Dennoch können einzelne Immobilien durch innovative Nutzungskonzepte einen Unterschied machen – und vielleicht als Leuchtturm auf ihr Umfeld einwirken.
Strukturelle Herausforderungen für zentrale Gewerbelagen
Viele Innenstädte bieten Besucher:innen, Einkaufenden und Anwohner:innen ein wenig erfreuliches Bild, so die BBE Handelsberatung in einer aktuellen Studie1: „Verwaiste Fußgängerzonen, zunehmende Leerstände und sinkende Besucherfrequenzen sind vor allem in Klein-und Mittelstädten sowie in den Randlagen der Metropolen sichtbare Symptome eines Strukturwandels, der weit über den Handel hinausgeht.“ Auch die Ursachen sind gut dokumentiert:
- Der Online-Handel trägt heute einen merklichen Anteil des Einzelhandelsumsatzes. 2024 waren dies insgesamt 13,4 %, in einzelnen Branchen jedoch bis zu 40 %2 – Branchen wie Mode, Accessoires oder Unterhaltungselektronik, die sich früher vorzugsweise in zentralen City-Lagen angesiedelt haben.
- Gleichzeitig hat sich das Konsumverhalten gewandelt. Ein Einkauf ist nach wie vor der primäre Besuchsanlass, doch viele Menschen möchten dies mit Freizeiterlebnissen oder einem Gastronomiebesuch verbinden1.
- Immer mehr der letzten verbliebenen Anwohner:innen ziehen weg und tragen so zu einer weiter schwindenden Belebung bei. Ursachen sind dabei nicht nur die hohen bzw. steigenden Mietkosten, sondern auch die sinkende Wohnzufriedenheit durch ein zunehmend fehlendes oder belastetes soziales Umfeld3.
Für die Eigentümer der anliegenden Immobilien bedeuten diese Entwicklungen den Rückgang von Mieteinnahmen, den Wertverlust ihrer Objekte und eine zunehmende Erschwernis für Vermarktung und Exit-Perspektiven. Wenn man auf die für Innenstädte typischen Assetklassen blickt, sieht eine aktuelle Bulwiengesa-Studie4 Chancen auf erträgliche Renditen nur bei Investments in Büroimmobilien, Economy- und Mittelklassehotels sowie Micro-Living- und Seniorenapartments.
Modell einer Transformation
Ausführlich mit Lösungsansätzen beschäftigt sich eine umfassende Studie der TU Darmstadt5. Am Beispiel der Darmstädter Innenstadt untersucht sie im Detail, wie Stadtplaner, Quartiers- und Immobilienentwickler den Nutzwert und die Attraktivität solcher Lagen steigern und damit auch eine bessere Vermarktbarkeit schaffen können. Dabei rückt die Studie speziell die Eigentümer der Immobilien als zentrale Akteure einer Transformation in den Fokus, denn eine Revitalisierung braucht nicht nur den Willen zum Neuanfang, sondern auch frisches Kapital.
Die Studie ergänzt das Gesamtbild durch eine detaillierte Analyse. So zeigen Bewegungsdaten einen messbaren Rückgang kaufkräftiger Besucher. Gleichzeitig verkürzt sich die Aufenthaltsdauer. In Befragungen werden Konsum, Versorgung, öffentlicher Raum und Aufenthaltsqualität als deutlich abnehmend bewertet, das Stadtbild als optisch unattraktiv. Die Autor:innen identifizieren fünf Handlungsfelder, die im Zusammenspiel eine Umkehr bewirken können:
- Multifunktionalität als Schlüssel
Eine Rückbesinnung auf den Einzelhandel allein reicht nicht aus; dazu hat der E‑Commerce die Nachfrage zu dauerhaft verändert. Die Lösung liegt in einem Nutzungsmix aus Wohnen, Freizeit, sozialen Treffpunkten, Arbeiten sowie Grün- und Aufenthaltsflächen. Besonders Wohnen und Arbeiten beleben die Innenstadt über Öffnungszeiten hinaus und steigern Attraktivität und Umsätze nachhaltig.
- Wissensarbeit als Frequenztreiber
Büro- und Co-Working-Nutzungen sind zentrale Impulsgeber. Wissensarbeitende nutzen zudem Gastronomie, Handel und Kultur überdurchschnittlich stark, und immerhin 42 % der Befragten können sich auch ein innerstädtisches Arbeiten vorstellen.
- Wohnen als Basis für dauerhafte Belebung
Innenstadtwohnen sorgt für Frequenz jenseits der Geschäftszeiten und stärkt Angebote auch abends und an Wochenenden. 20 % der Befragten würden gern innerstädtisch wohnen, doch hohe Mieten und geringe Wohnqualität wirken abschreckend.
- Erlebnis, Freizeit und Gastronomie
Sport‑, Freizeit- und Kulturangebote erhöhen Verweildauer und Attraktivität. Viele Besucher kritisieren fehlende Bewegungs- und Spielmöglichkeiten für Kinder. Zusätzliche Sportflächen, Multifunktionsräume und insbesondere höherwertige Gastronomie gelten als starke Zufriedenheitstreiber und emotionaler Anker für eine Innenstadt.
- Shopping neu denken
Shopping bleibt relevant, verliert aber seine Leitfunktion. Attraktiv wirken hochwertige Sortimente, eine verlässliche Nahversorgung und kreative Pop-up-Konzepte. Für Eigentümer entsteht daraus die strategische Aufgabe, bei Nachvermietungen gezielt Konzepte zu berücksichtigen, die sowohl das Objekt als auch das Umfeld stärken.
Die nächsten Schritte
Immobilien und Flächen in Innenstädten stärken ihre Erfolgsaussichten, wenn sie auf ein neues, nachhaltiges Nachfrage- und Nutzungsprofil angepasst werden. Die Transformation dazu gelingt jedoch nur im Zusammenspiel aller Akteure. Eigentümer, die Verbände von Handel, Tourismus und Gastronomie sowie die Kommunen sollten koordiniert handeln, öffentliche Räume gemeinsam entwickeln und die immobilienwirtschaftliche Erneuerung aktiv fördern. Das bereits zitierte Papier der BBE Handelsberatung1 ergänzt die Empfehlungen in einigen Punkten:
- Fundierte, datenbasierte Standortanalysen sind nötig, um die Grundlage der Transformation und geeigneter Mixed-Use-Konzepte zu schaffen. Dabei sind auch soziale, ökologische und Mobilitätsaspekte zu berücksichtigen.
- Insbesondere der Einzelhandel braucht Beratung und Unterstützung, um sich – z. B. durch Omnichannel-Strategien und Erlebnisformate – den veränderten Marktbedingungen und Kundenwünschen anzupassen.
Von der lebendigen zur intelligenten Stadt
Auch die Digitalisierung wird bei der Wiederbelebung der Innenstädte eine Rolle spielen, so ein Whitepaper der Real-Estate-Beratung Drees & Sommer6. Die Städte der Zukunft, so ihre These, sind „intelligent“ und vernetzt: „Die Smart City der Zukunft berücksichtigt standardmäßig verschiedene Bereiche von Städteplanung und ‑entwicklung mit smarten Daten über Mobilität sowie Gesundheitswesen, Industrie, Energie, Migration bis hin zu Umweltschutz und Klimawandel. Dabei wird ein integrierter, multidisziplinärer und nutzerorientierter Ansatz unerlässlich sein, bei dem der Mensch im Vordergrund steht.“
Konkrete Ansatzpunkte auf dem Weg zu einer Smart-City sind datenbasierte Systeme, zum Beispiel eine intelligente Verkehrssteuerung oder eine City-App, die Handel, Gastronomie, Events und städtische Angebote vernetzt. Speziell der Handel kann den Wünschen der Kund:innen durch digitale Services wie aktuelle Informationen zur Warenverfügbarkeit oder flexible Abholmöglichkeiten entgegenkommen. Voraussetzung, so das BBE-Papier1, bleibt eine enge „Kooperation zwischen Stadtverwaltung, Einzelhandel, Technologieanbietern und Betreibern digitaler Plattformen“ sowie ein konsequenter Ausbau der digitalen Infrastruktur.
Fazit
Die Zukunft innerstädtischer Gewerbeimmobilien entscheidet sich weniger an einzelnen Nutzungsarten oder Assetklassen als an der Qualität ihres Zusammenspiels in einem belastbaren, multifunktionalen Umfeld. Nutzungsmischung, stabile Frequenz und Aufenthaltsqualität werden zu zentralen Einflussgrößen für Mieterträge, Drittverwendungsfähigkeit und Exit-Optionen.
Für Eigentümer, Entwickler und Investoren bedeutet dies, Bestände und Projekte konsequent auf ein Mixed-Use-Profil auszurichten und ihre Immobilien als Teil des urbanen Gefüges zu verstehen. Die notwendige Transformation basiert dabei auf Investitionsbereitschaft, belastbaren Daten und der Kooperation mit allen beteiligten Stakeholdern. Es gilt, Nutzungskonzepte strategisch weiterzuentwickeln, die digitale Infrastruktur mitzudenken und die langfristige Nachfrageentwicklung realistisch einzuschätzen. So lassen sich nicht nur einzelne Objekte besser vermarkten. Zugleich wird auch die Resilienz der gesamten Lage gestärkt, Eigentümer werden zu Mitgestaltern einer lebenswerten und ökonomisch robusten Innenstadt.
Quellen
- „Zukunft Innenstädte – Wie der Strukturwandel den urbanen Raum neu definiert“, BBE Handelsberatung, Juli 2025
- „HDE Online-Monitor“, Handelsverband Deutschland – HDE e. V., 2025
- Andreas Pfnür, Fabian Lachenmayer, Yassien Bachtal: „Stadt-Land-Vorstadt: Wie die Neubewertung der Urbanität das Wohnen verändert — Empirische Studie bei privaten Haushalten“, Technische Universität Darmstadt, Arbeitspapiere zur immobilienwirtschaftlichen Forschung und Praxis, Band Nr. 54, Januar 2024
- „Die 5 %-Studie 2025 – wo investieren sich noch lohnt“, Bulwiengesa, September 2025
- Andreas Pfnür, Maria Günther, Jonas Rau: „Immobilienwirtschaftliche Transformation der Darmstädter Innenstadt“, Technische Universität Darmstadt, Arbeitspapiere zur immobilienwirtschaftlichen Forschung und Praxis, Band Nr. 59, Juli 2025
(Bildquelle: istockphotos.com)