Welcher Zusammenhang besteht zwischen Beschilderung und Image einer Immobilie? Und wie lassen sich Orientierungshilfen selbst dort sichtbar machen, wo die Umgebung mit Informationen überladen ist?
In dieser Ausgabe der Expertentipps umreißen wir die Funktion und Vorteile von Wegeleitsystemen, ergänzt durch Erkenntnisse zur praktischen Umsetzung. Zugleich setzen wir damit unsere Reihe zu speziellen Kommunikationsmöglichkeiten für Immobilien fort, die den Valdivia Newsroom seit inzwischen 5 Jahren prägt.
Die wichtigsten Vorteile: Orientierung und Identität
Wegeleitsysteme und Beschilderungen sind mehr als nützliche Orientierungshilfen. Als strategischer Ansatz verbinden sie visuelle Kommunikation, Architektur und Design. Durch eine einheitliche, durchdachte Formsprache können sie das Image einer Immobilie oder eines Quartiers prägen – mit Vorteilen für Nutzungserlebnis und Markenidentität1/2/3:
- Sie bieten Orientierung und Information als Service, der kein Personal benötigt, zu weniger Beschwerden führt und die Besucher-/Mieterzufriedenheit erhöht.
- Orientierung bedeutet auch Sicherheit – zum Beispiel in einer Shopping Mall ein Geschäft oder in einem Flughafen das richtige Gate zu finden.
- Eine weitere wichtige Funktion solcher Systeme ist es, die Zugänglichkeit und Barrierefreiheit für Menschen mit Einschränkungen zu verbessern4.
- Schließlich schaffen sie eine optische und ästhetische Klammer, die ein Ortsgefühl vermittelt und für Bewohner:innen oder bei regelmäßigem Besuch als Identifikationsanker wirkt.
Für Wert und Vermarktung eines Objekts haben solche Zeichensysteme damit eine durchaus konkrete Bedeutung, da sie aus praktischen Benefits eine Markenstory formen und unterstützen.
Prägende Elemente: Signaletik und Fonts
Je nach Nutzungsart, Grundriss und Größe des Objekts können Wegeleitsysteme und andere Orientierungshilfen sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen. In einem Mehrfamilienwohnhaus reichen meist eine Hausnummer, Namensschilder am Eingang und den Wohnungstüren, ggf. Hinweise auf Lift, Keller, Garage etc. Eine große Klinik oder ein Flughafen dagegen benötigen Mehrfachhilfen wie ein Farbleitsystem, Übersichts- und Stockwerkspläne, Wegweisertafeln, ein Adresssystem für Stationen bzw. Gates sowie Braillebeschriftungen und Piktogramme.
Alle nichtsprachlichen Elemente wie etwa Pfeile, Symbole, Piktogramme etc. fallen dabei unter den Begriff der Signaletik. Sie bildet eine universell verständliche Bildsprache, die Design, Farbenlehre, Psychologie und kulturelle Bezüge umfasst5. Zur Signaletik gehören auch ornamentale Elemente, die sogenannten Dingbats, deren Verwendung in der Architektur wir vor einiger Zeit vorgestellt haben. Kohärenz und Markencharakter entstehen in der Signaletik wie bei Schriftelementen durch eine konzeptionell begründete Wahl von Fonts und Farben, zum Beispiel durch
- bunte, verspielte Schriftzeichen und cartoonartige Tiersymbole für eine Kita,
- neutrale, ruhige Schriften und Farben für Infrastruktur- und Büroimmobilien,
- bewusst provisorisches Industriedesign für einen Start-up-Coworking-Space,
- nostalgische Schrift auf Emailleschildern für ein historisches Gebäude.
Erfolgskonzept: Verständlichkeit und Eindeutigkeit
Speziell zu Wegeleitsystemen gibt es nach unserem Recherchestand bisher kaum wissenschaftliche Studien. Eine US-Vergleichsstudie4 über die Orientierung in Innenräumen auf Basis von 84 Einzelarbeiten verweist auf einige interessante Ergebnisse, die aus einer Untersuchung von Gesundheitseinrichtungen stammen:
- Hinweisschilder konnten Orientierungsprobleme nicht völlig ausgleichen, wenn Grundrisse zu komplex werden. Allerdings erwiesen sich solche Beschilderungen immer noch wirksamer als Lagepläne mit Standortmarkierung.
- Besucher:innen konnten sich am besten durch einheitliche Piktogramme orientieren, die einfache, menschliche Figuren und deutliche Farbkontraste zeigten.
- Schilder, die sowohl Begriffe als auch Symbole enthielten, wurden am schnellsten verstanden und lösten die wenigsten Irrwege aus. Schilder nur mit Begriffen folgten an zweiter Stelle, während reine Symbolbeschilderung die geringste Hilfe bot.
Einen besonderen Aspekt von Orientierungshilfen untersucht eine japanische Studie6, die sich mit dem Erfolg verschiedener Beschilderungen in Notfällen beschäftigt. Bodenmarkierungen erwiesen sich als wirksamste Variante. Dagegen führten vierseitige Deckenschilder interessanterweise oft zu Unsicherheit, da einige Testpersonen zwei Seiten sahen, die zwei unterschiedliche Richtungen anzuzeigen scheinen. Zusammengefasst verweisen beide Studien auf einen für die Praxis wichtigen Aspekt: Im Zweifelsfall und unter Stress folgt die Wahrnehmung eher dem eindeutigen als dem vielleicht gestalterisch anspruchsvolleren Hinweis.
Lösungen für komplexe Umgebungen
Manche Umgebungen wie Shopping Malls und Flughäfen sind von Schildern, Leuchtschriften, Werbung und anderen optischen Elementen stark überladen. Eine Dissertation zur Situation in Einkaufszentren7 analysiert, weshalb die Leitsysteme dort oft kaum wahrgenommen werden. Neben der großen Zahl konkurrierender Informationen ist die Ursache eine mangelhafte Hierarchie, verbunden mit unübersichtlichen räumlichen Strukturen. Zur Lösung bieten sich verschiedene Methoden an, um ein Wegeleitsystem auch in solchen Umgebungen wirksam zu gestalten:
- Reduktion und Hierarchie
Wenn möglich, sollte die Zahl der Informationsquellen verringert werden. In größeren Objekten hilft eine Hierarchie aus klar definierten Hauptwegen und einer nachvollziehbaren Zoneneinteilung wie z. B. ein separater Food-Court in einem Einkaufszentrum.
- Visuelle Eindeutigkeit
Durchgehende, ruhige Farbgebung und Typografie, ggf. ergänzt durch Piktogramme, schaffen eine Unterscheidung zu Werbeelementen. Auch hier wirkt Reduktion: Hinweiselemente in der Frankfurter MyZeil-Shoppingmall zeigen zum Beispiel weiße Schrift und Symbole auf neutral anthrazitfarbenen Flächen und heben sich damit von den bunt leuchtenden Shops und ihrer Werbung ab.
- Positionierung
Hinweiselemente sollten so positioniert sein, dass sie in klaren Blickachsen liegen und nirgends unmittelbar mit anderen visuellen Elementen konkurrieren. Dies kann durch Boden- oder Deckenplatzierung, freistehende Informationssäulen oder einen Schutzraum um die betreffenden Hinweisschilder erreicht werden.
- Architektur
Zusätzlich empfiehlt sich für Neubauten und Kernsanierungen auch eine Berücksichtigung in der Architektur: Klare Sichtachsen, markante Ankerpunkte und offene Kreuzungen unterstützen eine intuitiv erfassbare Wegführung.
Die oben erwähnte Studie entwickelt detaillierte Gestaltungsempfehlungen für „innovative, intuitive und sichere Leitsysteme“. Zusätzlich enthält sie eine ausführliche Checkliste zur Bewertung und Optimierung vorhandener Systeme. Zwar entsprechen die Empfehlungen dem Stand der Technik von 2010 und erwähnen digitale Orientierungshilfen nur als Zukunftsperspektive. Analog-visuelle Hinweiselemente werden jedoch in absehbarer Zukunft wohl weiterhin gebraucht, so dass die Studie auch für heutige Projekte relevant bleibt.
Fazit: Funktionalität und Ästhetik
Signaletik und Wegeleitsysteme wirken in vielen Immobilienbereichen unscheinbar; auffällig werden oft nur ihr Fehlen oder ihre Unübersichtlichkeit. Ihr praktischer Nutzen steht dennoch außer Frage. Sich im Raum rasch und sicher orientieren zu können, zählt zu den menschlichen Grundbedürfnissen und wird auch auf lange Sicht kaum völlig von KI-gestützten Hilfen wie etwa Datenbrillen und anderen Augmented-Reality-Systemen übernommen werden.
Für Image und Vermarktung von Immobilien schaffen professionell gestaltete Wegeleitsysteme einen doppelten Vorteil. Ihre Funktionalität fördert ein positives Erlebnis für Besucher:innen, Anwohnende oder andere Nutzergruppen. Dies stärkt die allgemeine Zufriedenheit, sorgt für positive Bewertungen und damit letztlich für eine bessere Wertschöpfung. Zugleich unterstützt und formt ein durchdachtes Design die Markenidentität und sorgt als gestalterische Klammer für Zusammengehörigkeit und Profil, die als herausstechende Merkmale die Vermarktung unterstützen.
Quellen
- „Warum eine gute Signaletik in Quartieren wichtig ist“, Immobilien Aktuell by Immokom, August 2023
- „How to build your brand with better wayfinding“, Colorado Real Estate Journal, April 2018
- „The ROI of High-Quality Indoor Signage for Multi-Unit Properties & Commercial Spaces“, MtnHigh Sign + Design, Juni 2025
- „Wayfinding in Interior Environments: An Integrative Review“, Frontiers in Psychology, November 2020
- „Signaletik – Orientierungssystem der Architektur für mehr Sicherheit im Raum“, architektvergleich.ch (Schweizer Architektensuchportal), o.J.
- „The impact of people-signage interaction on way-finding evacuation behaviour“, Fire Safety Journal (in sciencedirect.com), Januar 2024
- Nadine Seumenicht: „Analyse und Bewertung vorhandener Leitsysteme zur Entwicklung von Gestaltungsempfehlungen für innovative, intuitive und sichere Leitsysteme in öffentlich zugängigen Gebäuden am Beispiel Einkaufszentrum“, Hochschulschriften Universität Duisburg Essen, Mai 2010
(Bildquelle: istockphotos.com)