Demografischer Wandel als Chefsache: der Chief Longevity Officer
Das Ausscheiden der Baby-Boomer-Generation aus dem Arbeitsleben stellt auch Unternehmen der Immobilienwirtschaft vor deutliche Herausforderungen. Antworten darauf müssen auf vielen Ebenen gefunden werden. Eine mögliche ist der freiwillige Einsatz von Fachkräften über das 67. Lebensjahr hinaus. Mit letzterem eng verbunden sind neue Personalstrategien bis hin zur Einsetzung einer eigenen Führungsrolle in der C‑Suite: dem Chief Longevity Officer, kurz CLO. Mit diesem Valdivia LeadershipImpulse-Beitrag stellen wir Ihnen die vielseitigen Aspekte dieser Position vor – auch als ein Paradebeispiel polymathischer Führung mit weitreichender Querschnittskompetenz.
Verantwortung für die Stellenprofile der Zukunft
Wenn Menschen länger im Leben arbeiten, sollten Arbeitgeber die damit verbundenen Möglichkeiten und Erfordernisse verstehen. Der Chief Longevity Officer nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Seine Kernaufgabe ist es, das Unternehmen in allen Bereichen an den demografischen Wandel und längere Lebensarbeitszeiten anzupassen. Dabei geht es nicht nur um ältere Arbeitnehmende. Denn je länger die Lebensarbeitszeit wird, desto häufiger weichen Erwerbsbiografien auch bei jüngeren Fachkräften von der geraden Linie ab. Es wird daher immer wichtiger, die Unternehmensstruktur von den Stellenprofilen bis zum Employer Branding auf flexible, wechselhafte Karrierepfade einzurichten.
Ein beginnender Trend mit viel Potenzial
Systematische Untersuchungen zu CLOs gibt es aktuell noch nicht. Presse und Blogs berichten jedoch vermehrt über die Einrichtung einer solchen Position – vor allem in Unternehmen aus der Gesundheits- und Wellbeing-Branche oder mit ambitionierten Corporate-Health-Programmen. Klar erscheint dagegen heute bereits das Potenzial dieser neuen Führungsrolle:
- Durch den Rentenantritt der Babyboomer verliert der deutsche Arbeitsmarkt bis 2035 ca. sieben Millionen Arbeitskräfte1. Nachwachsende Generationen und Zuwanderung allein werden diesen Rückgang nicht ausgleichen. Der Einsatz älterer Fachkräfte bedeutet daher eine wichtige Entlastung und wird durch die neu geschaffene Aktivrente in Deutschland nun sogar steuerlich gefördert.
- Auch die Betroffenen zeigen sich interessiert: Laut einer IW-Umfrage2 kann sich mehr als jeder dritte Beschäftigte vorstellen, nach dem Renteneintritt zu arbeiten. Noch höhere Werte ermittelte die Job-Plattform Xing3: 53 Prozent wollen und können im Alter weiterarbeiten, weitere 9 Prozent schließen es zumindest nicht aus.
Das umfassende Aufgabenfeld des CLO
Im Grundsatz leitet der CLO die Anpassung des Unternehmens an den demografischen Wandel hin zu längeren Lebensspannen. „Ein CLO bündelt Verantwortung für Workforce, Gesundheit, Chancengleichheit und Marktpotenziale in einer einzigen Führungsrolle – und verwandelt Langlebigkeit von einem ‚weichen‘ Anspruch in eine messbare Geschäftsstrategie“, beschreibt Fachbuchautor Bradley Schurman4 das Aufgabenfeld.
In der Praxis könnte ein CLO Karrierewege, Benefit-Strukturen und die Unternehmenskultur für Mitarbeitende neugestalten, so dass sie zu Erwerbsbiografien von über 60 Jahren Dauer passen. Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle, die jüngere Mitarbeitende vor einem Burnout bewahren und älteren helfen, ihre Produktivität bestmöglich zu entfalten.
Neue Ziele und ungewohnte Konzepte
Eine Studie des Biometrie-Forschungsinstitut mainanalytics5 beschreibt, was ein CLO konkret erreichen sollte. In erster Linie gilt es, Strategien zu entwickeln, die Verständnis und Dialog unter den Generationen fördern. Dazu zählen
- altersdiverse Teams,
- Programme für gegenseitiges Schulen und Mentoring,
- eher informelle Formate wie zum Beispiel Team-Events und After-Work-Treffen.
Über allem steht das Ziel, die Vielfalt der Generationen als Chance zu verstehen und nicht als Hindernis.
Im Human Capital Trends Report von 20246 weist Deloitte auf einen Aspekt hin, der gerade mit der bewussten Einstellung oder Weiterbeschäftigung älterer Arbeitnehmender an Bedeutung gewinnt: Firmenkulturen müssen bzw. sollten kein starres Einheitsraster bilden, in das sich alle einzufügen haben. Altersdiverse Teams benötigen möglicherweise eigene Ansätze und Freiräume, die sich zum Beispiel von der allgemeinen Start-up-Mentalität eines jungen Unternehmens unterscheiden. Dies zu ermöglichen, wäre eine typische Aufgabe für einen CLO, da solche Konzepte nicht nur geeignete Maßnahmen erfordern, sondern auch die Rückendeckung der obersten Führungsebene.
Die entscheidende Verbindung zwischen Idee und Erfolg
Auf eine besondere Herausforderung für einen CLO wies schon 2023 eine frühere Deloitte-Studie7 hin. Denn gerade in stark auf Diversität ausgerichteten Unternehmen mit entsprechender Employer Value Proposition besteht das Risiko, dass die Umsetzung häufig nur quantitativ dokumentiert wird – etwa über die Zahlen der Maßnahmen und ihrer Beteiligten. Was häufig fehlt, sind KPIs, die den Erfolg von Diversity-Programmen an relevanten Ergebnissen messen – etwa einer Produktivitätssteigerung oder der Kundenzufriedenheit.
Als weitere Hürde nennt die Studie den fehlenden oder ungenügenden Anschluss der Diversitätsförderung an die Prozesse und Strukturen des Unternehmens. Ein Beispiel sind Förderprogramme, die ins Leere laufen, weil die Teilnehmenden – z. B. gezielt eingestellte ältere Fachkräfte – danach keine zu den Förderinhalten passenden Aufgaben im Unternehmen finden.
Es zeigt sich, dass die fehlende Verankerung auf der Führungsebene ein deutliches Risiko und die häufige Ursache für das Scheitern der Programme bildet: Erfolge bleiben aus oder werden nicht gesehen, wenn die Zuständigkeit auf rein operativer oder Projektebene bleibt. Dies zu vermeiden, ist eine verantwortliche Person auf C‑Level weit besser geeignet als ein bloßer Beauftragter.
Der CLO und das Produkt Immobilie
Gewiss liegen die Hauptaufgaben des CLO im HR-Bereich. Doch wenn wir anfangs von Querschnittskompetenzen sprachen, deutet sich damit speziell für die Immobilienwirtschaft ein weiteres Aufgabenfeld an: Die Alterung der Gesellschaft und weitere Entwicklungen wie etwa der Trend zu gemeinschaftlichem Wohnen fallen durchaus in den Kompetenzbereich einer Führungskraft, die ein Unternehmen an den demografischen Wandel anpassen soll.
Damit sind nicht mehr allein die Mitarbeitenden Adressaten für Strategien und Programme, die ein CLO entwickelt, sondern auch die Käufer:innen und Mieter:innen von Wohnimmobilien. In diesem Bereich gibt es fast kein Element der Wertschöpfungskette, in dem ein CLO nicht einen wichtigen Beitrag leisten könnte – von der Projektplanung und ‑entwicklung über Architektur und Ausstattung bis hin zum Marketing sowie neuen Serviceangeboten.
Fazit
Der demografische Wandel zwingt heute viele Unternehmen zum Handeln, um ihre Arbeitsfähigkeit, ja, ihre gesamte Existenz zu sichern. Eine vermehrte Beschäftigung älterer Fachkräfte – teils über das Rentenalter hinaus – ist dabei nur ein Aspekt. Lebenswege und Zukunftsperspektiven ändern sich vor dem Hintergrund der wachsenden Langlebigkeit bei allen Generationen.
Um all dies zu berücksichtigen und in sinnvolle Maßnahmen umzusetzen, ist sicher nicht für jedes Unternehmen zwingend eine eigene Führungsposition auf C‑Level notwendig. Doch ein Neuanfang, ein Aufbruch in die Zukunft, braucht neben neuen Kompetenzen auch ein starkes Signal nach innen wie außen. Ein eigener, mit klaren Befugnissen ausgestatteter Chief Longevity Officer oder zumindest Vice President Longevity wäre ein solches Signal.
Quellen
- „Arbeitsmarkt verliert bis 2035 sieben Millionen Menschen“, Die Zeit / Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), November 2022
- „Wer will im Rentenalter arbeiten?“, IW-Kurzbericht Nr. 74/2024, Institut der deutschen Wirtschaft, Oktober 2024
- „XING Diversity-Studie 2024“, Xing / Appinio, August 2024
- Bradley Schurmann ist Autor des Buches „The Super Age“ und Gründer von Human Change, einem Unternehmen für demografische Strategien und integratives Design; zitiert in „Get ready for a new addition to the C‑suite“, Quartz Online-Business-Magazin, Oktober 2025
- „From Boomers to Gen Z: Bridging Gaps Between the Generations“, mainanalytics, Oktober 2025
- 2024 Global Human Capital Trends, Deloitte Insights, 2024
- „New fundamentals for a boundaryless world“, Global Human Capital Trends Report 2023, Deloitte Insights, 2023
(Bildquelle: istockphotos.com)