Wohin führt uns die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft? Auf welche Herausforderungen und Themen sollten Führungskräfte sich vorbereiten? Die digitale Transformation erfasst immer neue Bereiche und entwickelt sich ständig weiter. Einzelne Aspekte wie Anwendungen im Marketing oder die Vernetzung von Quartieren haben wir bereits im Valdivia Newsroom angesprochen. In diesem Beitrag werfen wir nun aus Entscheiderperspektive einen Blick auf das Gesamtbild der digitalen Transformation unserer Branche – und damit auf Faktoren, um Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig zu erhalten.
Chancen erkennen & nutzen
Die digitale Transformation erscheint oft als Schlagwort, über dessen Bedeutung viel, über dessen Inhalte und Umsetzung jedoch nur wenig gesagt wird. Exemplarisch haben wir daher drei Studien zu Rate gezogen, die speziell für die Bau- und Immobilienbranche die mittelfristigen Themen und Ziele der digitalen Transformation beschreiben:
(1) Gebäude lernen denken
Schon 2021 beschrieb eine BVDW-Studie1 die Bedeutung von Smart Building „für die nachhaltig geplante Stadt von heute und morgen“. Umrissen werden dort auch Entwicklungsschritte, die selbst aus heutiger Sicht noch in der Zukunft liegen: Einzelne Gebäudesysteme werden schon bald lernen, autonom miteinander zu agieren, Daten zu interpretieren und Prognosen zu erstellen. Der finale Reifeschritt ist dann die Integration des Gebäudes in das übergeordnete System einer „Smart City“.
Die Studie weist auch auf praktische Umsetzungsfaktoren hin, die bereits heute beachtet werden sollten. So müssen Planung und damit Teamkompetenzen – z. B. Elektroanlage und Cybersicherheit – oft in neuer, koordinierter Form organisiert werden.
(2) Prop Techs als Vorreiter
Prop Techs konzentrieren sich unmittelbar auf digitale Anwendungen für die Immobilienwirtschaft. Damit nehmen sie heute vorweg, was für das Bauen, das Immobilienmanagement oder auch den Immo-Finanzbereich bald auch in der Breite relevant wird. Eine aktuelle Blackprint-Studie2 beschreibt u.a., woraus PropTechs heute die stärkste Wertschöpfung gewinnen. Dies verweist zugleich auf die besten Chancen, durch Digitalisierung einen lohnenden Return-on-Investment zu erzielen:
- Finanzieren, Bewerten & Investieren (zu 75 %)
- Planen & BIM (zu 74 %)
- Asset- & Portfoliomanagement (zu 69 %)
- Projektentwicklung & Smart City (zu 66 %)
- Bauen, Sanieren, Bewirtschaften, Instandhalten (zu 64 %)
Eine weitere Frage der Studie war, welche Veränderungstreiber in Zukunft eine Rolle für die Immobilienbranche spielen werden. Unter den Top-Ten-Antworten finden sich nicht nur bekannte wie Künstliche Intelligenz und die vernetzte Smart City. Stärkere Bedeutung werden der Studie zufolge auch neue, technologiebasierte Geschäftsmodelle, das „Internet of Things“ und vernetzte „Business Ecosystems“ erhalten.
(3) „Alles bleibt anders“
Einen Blick ins Jahr 2033 wirft eine weitere Studie3. Sie beschreibt ein breites Spektrum allgemeiner Entwicklungsperspektiven, die alle einen hohen Digitalisierungsgrad voraussetzen:
- die Planung für ein kreislauffähiges Bauen nach Cradle-to-Cradle-Designprinzipien,
- die Transformation der Energiewirtschaft zu Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität,
- smarte Mobilität in smarten Städten,
- wandlungsfähige Multi-Use-Gebäude – auch als Basis für neue Geschäftsmodelle,
- vernetzte, sich selbst organisierende Smart Buildings,
- der Einsatz Künstlicher Intelligenz für das Property- und Assetmanagement, zur Planung und Steuerung eines modularen Bauens bis hin zu autarken Robotern auf der Baustelle oder die Schaffung virtueller Architekturen im Metaverse.
Als Denkanstoß steht der letzte Abschnitt der Studie unter der Überschrift „Alles bleibt anders“, denn „es werden Entwicklungen eintreten, die wir heute noch nicht absehen können.“ – auch lesbar als Hinweis auf die Nützlichkeit agiler Methoden, um kommenden Herausforderungen zu begegnen.
Künstliche Intelligenz kompetent einsetzen
Seit Ende 2022 ChatGPT öffentlich zugänglich wurde, ist Künstliche Intelligenz der Motor und das Schweizer Taschenmesser der digitalen Transformation. Doch auf welche Aspekte müssen Unternehmen achten, um hier sicher zu navigieren und den Anschluss zu behalten?
Der Businessanalyst Lünendonk hat dazu jüngst 150 Führungskräfte aus Unternehmen und Behörden im deutschsprachigen Raum befragt4. Wie sich zeigte, fehlt es nicht an Bekanntheit: 83 % nutzen ChatGPT. Doch nur in 3 % der befragten Unternehmen ist KI bereits vollständig integriert; immerhin 34 % waren Ende 2024 in der Erprobungsphase. Interessant für Entscheider:innen sind besonders die in der Studie genannten Risiken, die es zu adressieren und zu vermeiden gilt:
- Die Entwicklung eigener KI-Lösungen braucht Know-how und Skills; daran fehlte es noch bei 56 % der Befragten.
- Schon in nächster Zukunft ist mit einem wachsenden Wettbewerbsdruck zu rechnen: 77 % der Unternehmen wollten Ende 2024 ihre digitale Transformation mit KI-Hilfe beschleunigen.
- Klarheit über den EU AI Act und eine regelkonforme Umsetzung sind unabdingbar für einen rechtssicheren KI-Betrieb. Zum Zeitpunkt der Befragung waren 71 % immer noch unsicher hinsichtlich Umsetzung und Haftungsrisiken.
- Wo für Mitarbeitende ein ungeregelter Zugang zu KI-Tools und ‑Systemen möglich ist, kann sich leicht eine sogenannte „Schatten-KI“ bilden. Dies ist nicht erst durch den EU AI Act zu einem rechtlichen und finanziellen Risiko geworden: Schatten-KIs gefährden den Datenschutz und die Integrität der Ergebnisse.
Durch Agilität Schritt halten
Für die Entwicklung digitaler Systeme bietet agiles Arbeiten deutliche Vorteile. Es befähigt Unternehmen, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Führungskräfte geben die Ziele und Rahmenbedingungen vor; die Teams entscheiden eigenständig, wie sie diese Ziele erreichen.
Auf den ersten Blick scheint die Bau- und Immobilienbranche kaum zu einem agilen Projekt-Handling zu passen. So kam noch 2019 eine Studie zu dem Schluss5: “Die Immobilienbranche eignet sich nicht wirklich für ein Agiles Management.” Dennoch halten die Autor:innen bei Digitalisierung, Organisation und Führung agile Verfahren für möglich, sogar ratsam. Ansätze dazu haben wir bereits im Valdivia Newsroom vorgestellt. Für die Erfolgsaussichten mögen Erfahrungen aus dem Bankensektor sprechen, wo man schon früher die Vorteile agiler Projekte beobachten konnte6:
- zu 96 % schnelleres Time-to-Market & Respond-to-Change
- zu 69 % verbesserte Transparency & Business/IT Alignment
- zu 62 % erhöhte Ergebnisqualität
- zu 58 % verbesserte Mitarbeiterzufriedenheit
- zu 50 % attraktivere Arbeitgeberplatzierung
Die Studie betont, dass die erreichten Werte auch deutlich über den Erwartungen lagen. Dies kommt nicht von ungefähr: So löst agiles Arbeiten unabhängig von Branche oder Inhalten bei den Mitarbeitenden einen Motivationsschub aus, da sie „von der größeren Autonomie und dem Gewinn an Entscheidungsfreiheit begeistert“ sind.
Auch als Entscheider:in agil handeln
Ob zu Planung und Realisierung smarter Gebäude, dem Property- und Assetmanagement oder einer Stärkung der Arbeitgeberattraktivität – auch in der Immobilienwirtschaft führt heute kein Weg mehr an der Digitalisierung vorbei. Und dieser Weg kann immer notwendiger nur ein agiler sein; zu rasch und unvorhersehbar sind die Entwicklungen, als dass herkömmliche, starre Planungsmethoden dem noch gerecht werden könnten.
Die agile Arbeitsweise entlastet Sie als Führungskräfte aber nicht nur von Detailplanung und sekundären Management-Aufgaben. Sie hilft Ihnen auch unmittelbar, denn bei der Strategieentwicklung, der Allokation von Ressourcen oder der Optimierung der Zusammenarbeit im Unternehmen sind agile Methoden auf Entscheiderebene ebenfalls besonders wirksam.
Quellenverzeichnis
- „Smart Buildings — Erfolgskritische Trends und Anwendungsfälle für Gebäudeplanung und Betrieb“, Hrsg. Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V., 2021
- „Prop Tech Germany“, Hrsg. Blackprint und TH Aschaffenburg, Dezember 2024
- „10 Zukunftsthesen für die Bau- & Immobilienwirtschaft“, Hrsg. Drees & Sommer, 2023
- „Generative AI: Von der Innovation bis zur Marktreife“, Hrsg. Lünendonk & Hossenfelder, 2024
- PMRE MONITOR Spezial „Process Management Real Estate Monitor – Wie viel Agilität verträgt die Immobilienwirtschaft?“, Hrsg. htw Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und CCTM Consulting, 2019
- „Agilität in Banken“, Hrsg. Der Bank Blog, 2020
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